Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 69
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Archiv für christliche Aunst.

(Organ des Rottenburger Diözefan-Vereins für christliche Kunst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Kepplcr.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die wiirttembergischen {J( 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), J62.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,

I» O fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden tPoT
t» O« auch angenomneen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von J& 2. 05 halbjährlich.

phantastische, scherz- und boshafte
Gebilde mittelalterlicher Kunst.

Von Stadtpfarrer Eugen Keppler in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Auf diesem Grund erwuchsen ganz
naturgemäß unter den Händen der mittel-
alterlichen Steinmetzen die Spässe, Kari-
katuren und Satiren, die uns setzt an hl.
Stätte oft seltsam anmnthen. Es war ein-
fach das Volksthum, das jetzt den Kirchen-
bau durchdrang, wie die Kirche vorher
das Volksthum durchdrungen hatte. Aber
es war immerhin das längst von der
Kirche durchdrungene und beherrschte, wenn
auch naturwüchsige und etwas rohe Volks-
thum. Deshalb enthalten auch seine frei-
müthigsten Aenßerungen keinen Tropfen
von der ätzenden Schärfe, welche ein Sohn
unserer heutigen Zeit an ihnen voraus-
setzen könnte; seine kecksten Ausfälle leug-
nen die höhere Ordnung, gegen die sie
anfedern, nicht, setzen sie vielmehr als fest-
stehend voraus; seine mitunter boshaft
scheinenden Heranziehungen des Klerus
bringen ihm als solchem kein Mißtrauens-
votum entgegen und sind deshalb im Lichte
der damaligen Zeit verhältnißmäßig harm-
los, und selbst seine gelegentlichen Paro-
dien des Heiligen zeugen von keiner Ans-
lehnung gegen die Religion, vielmehr von
dem allseitigen Interesse, das man an ihr
nahm: indem bekanntlich das Volk, und
nicht bloß ein kindhaftes, sondern auch ein
fortgeschrittenes Volk, wie das Volk un-
serer Weltstädte eine Sache zum Gegen-
stand seiner schalkhaften Betrachtung macht
und sie zugleich liebend in sein Herz ein-
schließt. Diese komische Betrachtungsweise
ist dann um so unschuldiger, je derber das
Volksthum ist, dem sie entsprießt, weil sie,
gerade wenn sie recht derb ist, dem Be-
deutenden an sich gar nicht beikommen
kann, sondern nur der unwesentlichen

Außenseite. Nun befindet sich aber die
Gesellschaft während des ganzen Mittel-
alters ans dem ganz und gar unverfeiner-
ten, naturwüchsigen Standpunkt des un-
gebildeten Volkes unserer Tage. Die ganze
Kunst war aber (vielleicht mehr als alles
übrige) auf diese Gesellschaft zugeschnitten,
denn die Kunst empfing ihre Eingebungen
von der Menge und nicht von Einzelnen.
So war auch all das Beiwerk an Kirchen,
wovon wir sprechen, darauf angelegt, um
aus die niederen und mittleren Stände zu
wirken.

Als Ueberbleibsel und als Gradmesser
ihres bäuerischen Geschmacks haben wir
nun, wenn sie auch kunstfertig gearbeitet
und sinnig angebracht sind, die Ungestal-
ten anzusehen: die Ungestalten mit nnge-
geheuerlichen Köpfen, greulich verzerrten
Gesichtern und vertrakten Geberden, welche
mittelalterliche Meister in solcher Fülle
und Mannigfaltigkeit über ihre kirchlichen
Gebäude auszustreuen liebten, daß es ver-
gebliche Mühe wäre, sie sortiren zu wollen.
Aber nicht nur das Mittelalter liebte der-
gleichen Zieraten: schon die alten Römer,
welche bekanntlich, auch zur Zeit ihrer Ver-
feinerung und Ueberverseinernng, ihre an-
geborene Derbheit nie verlengneten, hatten
ihre (von den Griechen herübergenomme-
nen) Typhonen und Gorgonen, sowie ihre
aus eigenem Boden ausgebildeten Masken.
Haben wir in jenen die Urbilder der
beliebten Fratzengesichter mit heranshängen-
der Zunge zu begrüßen, so stammt von
diesen eine andere Art künstlerischer
Mißgestalten: die mit übermäßig aufge-
rissenem Maul. Nur gieng die Bedeutung
der letzteren in ihrer absichtlichen Häß-
lichkeit aus (abgesehen von wenigen For-
men, in denen man bisweilen bestimmte
Gedanken verkörpert sah), während die
komische Maske der Römer weniger eine
groteske Einzelerscheinung darstellen wollte
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