Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 73
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und in Ulms Kunstgeschichte S. 118)
stichhaltig sei, darüber wird man verschie-
dener Ansicht sein können. Wir glauben,
daß die Darstellung der Figur des Ge-
mäldes von der Gegenseite (worauf
seine Argumentation wesentlich beruht) sich
ganz einfach erreichen ließ durch den Ge-
brauch eines Spiegels. Offenbar war
aber Häßler überzeugt davon, daß Martin
Schonganer in sehr nahen Beziehungen
zu Ulm und Oberschwaben stand.

Auch D u rs ch spricht sich in seiner Aesthetik
der christlichen Kunst (S. 328) für das
ehemalige Vorhandensein von Werken dessel-
ben in Ulm aus.

Zurückhaltender äußern sich Presset
(Ulm und sein Münster 1877 S. 112)
und Bach (Korrespondenzblatt des Ulmer
Vereins 1877 S. 66). Beide fassen die
Malereien des Schonganer Altärleins im
Münster nur als Nachbildungen nach
Schongauerö Stichen auf. Etwas ent-
schiedener spricht sich wieder Janitschek
(Gesch. d. deutschen Malerei S. 256)
aus, welcher das letztgenannte Märchen
der „unmittelbaren Schule" des Schon-
gauer zuschreibt, wenn er auch die Ge-
mälde als Nachbildungen der Stiche von
Schonganer bezeichnet.

Diese Aeußerungen der Kunstverständi-
gen machen den Eindruck, daß dieselben
wohl geneigt sind, den Meister in ziemlich
nahe Beziehungen zu Ulm und Ober-
schwaben zu bringen, daß dieselben jedoch
eine positive, dokumentarische Begründung
hiefür nicht beizubringen vermögen. Bei
diesem Stand der Sache drängt sich die
Frage auf: war denn diese Landschaft in
der Lage, ihre Bedürfnisse an Gemälden
und Skulpturen für den kirchlichen Ge-
brauch aus weiterer Entfernung beziehen
zu müssen? Diese Frage kann keineswegs
bejahend beantwortet werden. Außer den
namhaften und zahlreichen Meistern in
Ulm selbst, befanden sich gerade am Ende
des 15. Jahrhunderts hier auch noch in Mem-
mingen und Ravensburg tüchtige Werk-
stätten, welche selbst ihre Produkte in
weitere Entfernung zu liefern vermochten.
Das tatsächliche Vorkommen von Male-
reien , die, wie nicht bestritten wird, an
M. Schön lebhaft erinnern, könnte des-
halb einfacher und genügender dadurch er-
klärt werden, daß in Ulm und vielleicht

auch anderwärts sich Werkstätten besleißi-
ten, die Werke (Stiche) des M. Schön
zur Vorlage ihrer Produktionen zu neh-
men, was an sich gewiß nicht zu tadeln
ist. Wenn man erwägt, daß der Bruder
desselben, Ludwig, im Jahr 1479 das
Bürgerrecht in Ulm erwarb (Häßler), so
gewinnt diese Auffassung einen ganz posi-
tiven Boden. Für die Annahme von un-
mittelbaren Beziehungen des Martin Schön
zu Oberschwaben aber wäre jedenfalls ein
positives Zeugnis; unerläßlich.

Nun tritt aber die Sache in ein neues
Stadium dadurch, daß wirklich ein nicht
zu beanstandendes Dokument hiefür ge-
funden und veröffentlicht worden ist. H

Im „Freiburger Diözesanarchiv" 1887
(Band 19 S. 1—191) wird durch Kaplan
Schilling in Biberach ein in der fürst-
lich Wolfeggschen Sammlung befindliches
Manuskript veröffentlicht: „lieber die kirch-
lichen und religiösen Zustände der ehe-
maligen Reichsstadt Biberach vor Ein-
führung der Reformation; von einem Zeit-
genossen ausgezeichnet." Ans dem reichen
Inhalt heben wir nur zwei Stellen her-
vor: Seite 22 heißt es: „Ans dem Altar
im Chor da ist gestanden eine köstliche
schöne Tafel, hat der gnot Meister Hüpsch
Martin gemalet." Ferner Seite 24:
„Alles ganz lustig und von Hübsch Mar-
tin, dem bößten Maler gemahlet ist gsein."

Durch dieses Zeugnis; wird man be-
rechtigt, einen Schritt weiter zu gehen und
die Möglichkeit ernstlich ins Auge zu
fassen, daß in unserer Gegend Malereien
und Skulpturen sich befinden können, die
unmittelbar ans der Werkstätte Schon-
gauers in Kolmar stammen.

Freilich hat sich von diesem reichen
Werke wohl nichts dem Bildersturm in
B. (1531) entziehen können; allein
durch dieses Zeugnis; ist auch für die
ganze Gegend eine direkte Verbindung
mit Martin Schön viel näher gelegt als
zuvor. Die zahlreichen wohldotierten
Klöster und Reichsabteien der Landschaft
blieben in dem Wunsche einer trefflichen
Ausstattung ihrer Kirchen hinter Biberach
gewiß nicht zurück. Daß aber hier der

1) Ich bemerke hier, daß Herr Archivar
Dr. Baumann in Donaueschingen die Güte
hatte, mich darauf aufmerksam zu machen.
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