Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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Zeit noch nach Ort Nur das Eine bleibt
sich immer gleich, daß der hl. Petrus das
Credo beginnt. So auch im Ravensburger
Fenster. Der unterste gelbe Streifen enthält
hier zuerst in gothischen Minuskeln die Zeit
der Anfertigung: anno domini MCCCCXV . . .
(facta) sunt vitra ista. Dann beginnt darüber
links die Reihe der Apostel mit dein hl.
Petrus, der einen großen Schlüssel in der
Linken und ein Buch in der Rechten hält
und denr der erste Glaubensartikel beigeschrie-
ben ist: credo (in Deum fehlt) patrem omni-
potentem, rechts voll ihm der hl. Alldreas
mit denr sogeitannten Andreaskreuz und: (et

in iesu)m cristum filium ejus u(nicum Dominum
nostrum). Nun kommen zwei Propheten,
welchen in gelben mtb weißen Streifen In-
schriften beigegeben sind, welche sich auf den
betreffenden Glaubensartikel vorbildlich be-
ziehen, liitks Jsaias, rechts David, welcher
in Bezug auf den zweiten Glaubensartikel,
den Glauben an Christus als den Sohn
Gottes, die Stelle Pf. 2, 7 hat: Dixit

(Dominus ad me): fälius meus es tu, ego hodie
gen(ui te). Int zweiten Medaillon folgt liltts
St. Jo Han lies Evangelista mit dem Kelch
und der Inschrift: qui conceptus est de spi-
ritu sancto (natus ex maria virgine); rechts
St. Jacob ns rninor mit einer Muschel in
der Hand und den Worten: passus sub pontio
pylato crucifixus (mortuus et sepultus est).

hDie Attribltte der beiden Jakobus sind ver-
wechselt angebracht: Jakobits minor sollte
die Walkerstange, Jakobus major die Muschel
haben.) Ueber dem hl. Johannes ist mit
Bezug auf seinen Artikel »qui conceptus
est« etc. der Prophet Jsaias angebracht
mit der Inschrift: ecce virgo concipiet et
pariet filium et vocabitur nomen ejus; Über

Jakobus der Prophet Daitiel.

Im dritten Medaillott rechts sehen wir ben
hl. Philippus mit einem Kreuz und dem

Artikel: descendit ad inferos tertio die res(ur-
rexit a mortuis), links den hl. Jakoblls major
ntit einer Walkerstange, die, wie hier wenig-
stens am oberen Theile sichtlich, im Mittelalter
gewöhnlich die Form eines Geigenbogens hat;
dann folgen lateinische Inschriften, darüber
die Propheten Oseas und Amos. Die bei-
gegebenen Inschriften konnte ich hier ohne
Gerüste in solcher Höhe nicht mehr entziffern.
Im vierten Medaillon sind: St. Thomas
mit einem Stab und dem Artikel: inde ven-
turus est judicare vivos (et mortuos) und öt.
Bartholomäus mit dem Messer mtb: credo
in spiritum sanctum. Bon den Propheten
konnte ich nur Sophoniüs erkennen. In der
fünften Reihe stehen wohl: Judas Thad-
däus — die Inschrift ist hier und bei den
zwei folgenden Aposteln erloschen —, der

eigentümlich die Gewandung eines Mönches
trägt und kein Attribut hat; sein Artikel ist:

sanctam ecclesiam sanctorum communionem,

und rechts St. Matthäus mit einem
Schwert Itnb den Worten: remissionem pec-
catorum. Im oberst er^Medaillon stehen links
tvohl St. Simon, hier ntit einem Schwert
und dem Artikel: carnis resurrectionem, rechts
St. Matthäus mit dem Beil und bcnt
Schluß des Credo: vitam aeternam.

Deit Abschluß dieses Apostelfensters ttach
oben bildet ein Maßwerk ntit drei ineinander-
laufettden Fischblasen. In diese Fischblasen
aber sind drei Köpfe ■— je einer in eilte
Fischblase — gezeichnet, welche kupferfarbenes
Angesicht, spitzen Bart nnb eine Kopfbedeckung
zeigen, in welcher ganz gerade attfrechtstehend
eilte Pfauenfeder steckt. Die drei Angesichter
siitd ganz gleich in Typtis, in Größe, Farbe
und Zeichnttitg. Wir habeit hier offettbar
ein Symbol der Trinität. Bekanntlich suchte
das Mittelalter dieses Geheimniß dttrch allerlei
mathentatische und symbolische Zeichen zur
Anschauuttg zu bringen, wie durch das gleich-
seitige Dreieck, dttrch drei iit einander ge-
schlttngeite Ringe, dttrch drei gleich gebildete
Fische oder Adler; aber auch ein Dreieck mit
drei lattfenden Beinen, drei Hasen, die ntit
den Ohren zusammengewachsen sind, drei lau-
fende Männer, die einander attfassen, sinden
sich. Hier laufen die Spitzen der Fischblasen
mit ihren gleichen Köpfett zusammen und
bildeit in dem flehten Ringe, in den sie ans-
laufen, so ztt sagett die Einheit.

Was den techitischeit Charakter des Fensters
anlangt, so ist dasselbe noch streng mosaik-
artig gehaltett und schließt sich ganz der ersten
Periode der Glasntalerei an, iit welcher wir
uns sowohl die Einzelsiguren als die ganzeit
Seenerien tticht anders zusammengesetzt denken
dürfen, als aus ebeitso vielen eiitzeltten, ver-
schieden gefärbten Glasstücken, als die einzelne
Figur oder einzelite Scene verschiedenerlei
Farben hat; es ist eine Glasmosaik, ans der
die nothweitdige Zeichnung und Schattirnng,
selbst sogar eilte gewisse Modellirnttg, ntit
(Lchwarzlot angegeben ist. Worauf aber hier
der Glasntaler sein Hauptgewicht gelegt hat,
das ist die Farbenwirkung. Der Grund der
Medaillons wechselt zwischen lettchtendem Roth
und sattent Blatt; außerhalb der Medaillons
ist der Grund des ganzen Feitsters ein ntit
violetten und grünen Scheibchen, die selbst
wieder mit weißen Streifen umrahmt siitd,
zusammengesetzter Teppich. Der Rand der
Medaillons ist ebenfalls atts tveißen Streiseit
gebildet, deren scharfes Licht durch Inschriften
und kleine Ornamente gedämpft ist. Ferner
ziehen sich mitten durch die Medaillons nnb
die Apostelsigurcn weiße Bänder, welche je
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