Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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den Glaubensartikel des betreffenden Apostels
haben. Das Fenster zeigt eine außerordent-
lich wirkungsvolle Farbenvertheilung und muß
in seiner Ursprünglichkeit das Muster eines
brillanten Farbenteppichs gewesen sein. Die
rothen Ueberfanggläser, das starke Blau und
das stark grünlich abgetönte Weiß zeige,:
jetzt noch eine herrliche Leuchtkraft.

Die beiden andern Fenster gehören zu-
sammen und enthalten einen Cyklus von
Darstellungen ans dein Leben Mariens und
der Jugendgeschichte Jesu. Das Mittel-
fen st er ist dreitheilig und hat ein großes
Maßwerk in seinem Abschlüsse nach oben.
Die einzelnen Felder sind hier aber leider
bei einer späteren Versetzung und „Aus-
besserung" des Fensters willkürlich eingefügt
worden, auch fehlen einige Scenen ganz,
andere sind so auseinandergerissen, daß ihr
Inhalt kaum inehr vollkommen erkenntlich
ist; selbst in das Maßwerk sind zwei scenische
Darstellungen versetzt worden. Wir wollen
nun seinen Inhalt kennen lernen, zugleich
auch sehen, wie es ursprünglich ansgesehen
hat und was etwa darnach zu ergänzen und
zu verändern wäre.

Das Fenster begann seine Erzählung ur-
sprünglich mit der Geschichte der Eltern der
hl. Jungfrau, mit Joachim und Anna, wie
sie die a p o kr y p h i sch e n Nachrichten
über die Jugend Mariä und die Kindheit
Jesu in: Pseudo-Matthänsevangelium geben.
An einem hohen Feiertage, wird hier erzählt,
erschien Joachim, der sehr reich war, im
Tempel, um mit den andern Israeliten seine
Opfer darzubringen, wurde aber von dem
Hohepriester Rüben znrückgewiesen, weil er
kinderlos sei. Dieser Inhalt, die Zurück-
weisung des Opfers Joachiins durch den
Hohepriester, bildet gewöhnlich die erste
Darstellung in den: betreffenden Eyklns. Hier
in Ravensburg fehlt diese Scene. Die Le-
gende erzählt weiter: Joachiin, über diese Zu-
rückweisung äußerst betrübt, begab sich, ohne
vorher seine Frau gesehen zu haben, in die
Wüste und brachte daselbst vierzig Tage in
Fasten und Beten zu. Unterdeß beweinte
seine Frau, Anna, ihr doppeltes Geschick,
nämlich daß sie Wittwe geworden und kin-
derlos sei. Ueber letzteres mußte sie sogar
von ihrer Magd Judith Vorwürfe ertragen.
Voll Trauer begab sid sich um die nennte
Stunde in ihren Garten, setzte sich unter
einen Lorbeerbaum und flehte zu Gott, er
möge sie segnen, wie er die Sara gesegnet
habe. Da erblickte sie in dem Lorbeerbaun:
ein Sperlingsnest. Das erneuerte ihren
Schmerz über ihre Kinderlosigkeit, wegen
welcher sie Hohn und sogar Ausweisung
ans den: Tempel hatte erdulden müssen.

Sie bat, Gott möge ihr doch nicht versagen,
was er den Vögeln, den Thieren des Landes
und sogar den Wassern und der Erde ge-
währt habe. Diese Trauer der Anna
st e l l t nun d i e er st e S c e n e unseres Mit-
telfensters in Ravensburg dar. Wir sehen
hier, zu unterst in dem linken Teile des
Fensters, Anna im Garten wandeln; vor
ihr steht ein grüner Baum, auf den ein weißer
Vogel fliegt, der nach seiner Größe aller-
dings mehr einer Taube ähnlich sieht; links
oben erscheint die Magd Judith, vor welcher
ein Engel mit einem erklärenden Spruch-
bande angebracht ist. Es sind hier wohl
die Figuren nicht richtig zusammengestellt
und gehört der Engel wohl nicht an diesen
Platz. Wie die Legende weiter erzählt, hat-
ten beide, Joachiin und Anna, die Erschei-
nung eines Engels: „Und siehe," heißt es
von letzterer, „der Engel des Herrn trat zu
ihr hin u>:d sprach: Anna, Anna, Gott der
Herr hat deine Bitte erhört, du wirst em-
pfangen und gebären und dein Kind wird
auf der ganzen Erde gepriesen werden.
Anna sprach: So wahr der Herr mein Gott
lebt, mag ich ein Knäblein oder ein Mägd-
lein gebären, ich werde es den: Herrn mei-
nen: Gott als Geschenk darbringen, und es
soll ihm dienen alle Tage seines Lebens.
Da kamen zwei Engel und sagten ihr: Siehe,
Joachiin, dein Mann, kommt mit seinen
Heerde::. Denn der Engel des Herrn ging
zu ihm herab und sprach: Joachiin, Joachiin,
Gott der Herr hat deine Bitte erhört; be-
gib dich voi: hier hinweg; siehe, Anna, deii:
Weib, wird empfangen." Diese Erschei-
lt ui: g der beiden Engel scheint mir
über der vorhergenannten Scene angebracht
zu sein: wir sehen zwei Figuren, Brustbil-
der, eine männliche und eine weibliche, vor
denen je ein weißgekleideter Engel erscheint.
Die männliche Gestalt hält, wie um große
Trauer auszudrücken, die Hand vor das An-
gesicht.

Nach der Legende folgte Joachim der
Weisung des Engels und ging mit seinen
Heerden nach Hause; als er da ankam, stand
Anna in der Thüre und sah ihn kommen.
Es fand die herzlichste Begrüßung statt.
Nach dem Evangel. de nativ. Mariae (c. 3—5)
und dem Pseudo-Matthäusevangelium (e. z)
geschah dieses in der goldenen Pforte
der Stadt Jerusalem, wohin Anna auf des
Engels Geheiß sich begeben hatte. Auch
dieses Ereigniß, das besonders im späteren
Mittelalter so oft, namentlich von A. Dürer
in seinem diesbezüglichen berühmten Holz-
schnitte so unvergleichlich schön dargestellt
wurde, ist in den: Ravensburger Fenster ent-
halten (unterste Scene im Mitteltheile des
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