Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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Fensters), wir sehen hier, wie Joachim und
Anna sich unter einer Bogenhalle umarmen.

Die nächstfolgende Darstellung, Mariä
Aufnahme in den Tempel, ist in das
Maßwerk des Fensters eingesetzt und zwar
in den Dreipaß links. Es ist der Moment
dargestellt, in welchem der Hohepriester das
Mägdlein eben empfängt. Das Evangel.
de nativ. Mariae berichtet v Als dann das
Kind drei Jahre alt geworden war, brachten
die Eltern es zufolge ihres Gelübdes zum
Tempel. „Und der Hohepriester empfing
sie, küßte sie und sprach: Gott der Herr hat
deinen Namen verherrlicht unter allen Ge-
schlechtern der Erde; an dir wird er in den
letzten Tagen die Sühnung der Kinder
Israels offenbaren. Und er stellte sie ans
die dritte Stufe des Altares, und Gott
sandte Gnade auf sie, und sie tanzte vor
Freuden mit ihren Füßen. Ganz Israel
liebte sie."

Im oberen Dreipaß sehen wir dann die
Vermählung der hl. Jungfrau mit
dem hl. Joseph; auch hier wie in der vori-
gen Komposition hat der Hohepriester die
bischöfliche Mitra. Dann folgt (in der rech-
ten Abtheilung des Fensters, zweites Feld
von unten nach oben) der Englische
Gruß. Es ist hier jene erweiterte Dar-
stellung gegeben, wo wir in der Verkündi-
gung außer dem Bilde der Taube auch die
Gestalt des himmlischen Vaters erblicken,
um die Offenbarung der Trinität anzuzeigen.
Ferner sehen wir hier die im Mittelalter
öfter vorkommende ikonographische Eigen-
thümlichkeit, daß die von Gott Vater aus-
gehenden überstrahlenden Schatten nicht nur
durch die Taube, sondern auch durch ein
Heilandsseelchen, das ebenfalls von: himm-
lischen Vater ansgeht, getheilt werden. Es
wollte dadurch offenbar die Inkarnation der
zweiten göttlichen Person noch deutlicher
vor Augen geführt werden. Der Mitteltheil
des Fensters endlich enthält in zwei Feldern
die Geburt Christi: Maria betet knieend
das Kind an, welches von großen goldenen
Strahlen umgeben ist, während über den:
Stalle drei Engel erscheinen.

Die Fortsetzung dieser Darstellungen aus
der Jugendgeschichte Jesu oder vielmehr aus
dem Leben Mariens enthält dann das rechte
Fenster. Wir sehen hier Begebenheiten,
welche meistens mit der Flucht nach Aegyp-
ten und dem Aufenthalt des Christkindes im
Lande Aegypten zusammenhängen. Die un-
terste Abtheilung hat Pie Flucht nach
Aegypten selbst. Die hl. Jungfrau mit
dem Kinde sitzt auf dein Lastthiere, der hei-
lige Joseph geht voraus, in der Linken einen
Stock, in der Rechten den Mantel über den

Schultern tragend. Die Scene ist unter
einer gewölbten Halle, deren Hintergrund
blau ist, während die Säulen roth-violett
erscheinen. Ueber den Bogen herein mit der
gelben Inschrift halten zwei Propheten:
»Zacharias propheta« und »Micas (Michaeas)
propheta« eilt Spruchband mit den Worten:
eeee dominus ingredit aegypt. et ... . Der
Bogen selbst enthält die Inschrift: »herodes
dum cristus puer et . . . . iram regis herodis
angelus dni dixit Joseph tolle puerum ....
matrem.«

Jkonographisch ganz interessant ist beson-
ders die zweite Darstellung, in welcher man
gewöhnlich die Anbetung der hl. drei Könige
sehen will. Allein ihr Inhalt ist ein ganz
anderer, der in dieser Form sehr selten, viel-
leicht einzig dasteht. Die Komposition hängt
ihrem Inhalte nach unmittelbar mit dem
unteren Bilde zusammen. Es ist nämlich
eine merkwürdige, im christlichen Alterthum
weit verbreitete Nachricht, daß bei derAu-
k u n f t Jesu i n A e g y p t e n d i e Götzen-
bilder nied er ge stürzt seien. Wir
finden diese Nachricht bei den angesehensten
Kirchenvätern und Kirchenschriststellern zuerst
im vierten Jahrhundert, bei Athanasius
(de inearn. verbi II. 36), Cyrillus V0N Jeru-
salem (catheeh. X. 10), Hieronymus (eomment.
in Js. XIX. 1), Eusebius (dem. ev. VI. 20 IX.),
Sozomenns (hist. eccl. V. 21) u. a. Diese
Nachricht mußte den Verfassern der apo-
kryphischen Evangelien sehr willkommen sein.
Das Pseudo-Matthänsevangelinm, ein im
5. Jahrhundert entstandenes Apokryphen,
welches man für das von: hl. Hieronymus
übersetzte hebräische Urevangelium des heiligen
Matthäus ausgab, berichtet (Kap. 22 — 24):
Als die hl. Familie an der Grenze von
Hermopolis angekommen sei, wäre sie in die
Stadt Sotinen gegangen. Weil sie dort
aber keinen Bekannten hatten, bei welchem
sie gastliche Aufnahme finden konnten, traten
sie in einen Tempel hinein, worin 365
Götzenbilder standen. Dieselben stürzten
beim Eintritt Mariä und des Kindes nieder
und lagen zerbrochen und zermalmt auf dem
Boden. Da kam Asrodisius, der Vorsteher
dieser Stadt, dein dies gemeldet worden war,
mit seinem ganzen Kriegsheere zum Tempel
und überzeugte sich von dem Ereigniß. Da-
durch wurde nicht allein er selbst, sondern
durch seine Vorstellungen das ganze Volk
mit zum Glauben an die Gottheit Jesu ge-
bracht. Dieses Zusammenstürzen der
ägyptischen Götter haben wir nun in
unserm Fenster gemalt: wir sehen oben zwei
Götzenbilder zusamntenstürzen, unten um die
Säule knieen links wohl der Vorsteher der
Stadt und verschiedene Einwohner, rechts
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