Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 83
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der Hölle unzertrennlich waren, finden
sich mit Vorliebe und mit drastischem
Geschick dargestellt in Skulptur und Zeich-
nung, als schmückende Zuthat, endlich in
Initialen und Randverziernngen. Indem
dieses Gewürm um Thier- und Menschen-
leiber seine tödtlichen Ringe schlingt, bildet
es, mit ihnen verwachsen, groteske Knäuel.
Diese Art der Verzierung ist bisweilen
von großer Kühnheit und mächtiger Wir-
kung. So sieht man in der Kathedrale
bou Wells Steinknäufe ans dem 13. Jahr-
hundert, welche aus Gesichtern bestehen,
die sich unter den Bissen der Drachen
verzerren. Diese ergreifen ihre Beute
an Lippen, Angen, Wangen und in den
Zügen malt sich ein ergreifender Ausdruck
des Schreckens.

Unter den Ursachen der weiten und
frühen Verbreitung des Grotesken und
der Karikatur darf nicht verschwiegen
werden die natürliche Derbheit und Un-
beholfenheit der Kunst zu Beginn des
Mittelalters. Die antiken Schriftsteller
beschreiben uns eine frühe Knnststufe, da
es nöthig war, unter die dargestellten
Gegenstände den Namen zu schreiben, um
sie kennbar zu machen: dieses ist ein

Pferd, dieses ist ein Mensch, dieses
ein Baum u. s. w. Standen nun die
frühmittelalterlichen Bildner gerade so
tief nicht, so thaten sie doch, unbekannt
mit der Perspektive und ungeübt von
Hand, wie sie waren, sehr schwer, einen
mehrfachen Personenauftritt mit Kennbar-
machnng der Einzelnen darzustellen. Sie
suchten sich nun durch Anwendung kon-
ventioneller Formen und Stellnngen zu
Helsen, mitunter auch durch Anbringung
sinnbildlicher Zeichen, die indeß ihren Ge-
danken nicht immer genau ausdrückten.
Die Uebertreibung im Aeußern bestand
namentlich darin, daß irgend ein charak-
teristisches Merkmal ungebührlich hervor-
gehoben wurde. Man erreichte so den
Zweck, den man auch durch einen Ueber-
namen erreichen will und darin liegt eines
der ersten Geheimnisse aller Karikatur.
Die verkünstelten Posen hatten mit den
konventionellen Formen vieles gemeinsam,
steuerten jedoch zur Entwicklung des Gro-
tesken noch mehr bei.

So trugen schon die ersten selbständigen
Anfänge der Kunst im Mittelalter den

Keim der Karikatur in sich und bildeten
ohne Zweifel den Geschmack für das
Groteske ans. Nicht wenige Darstellun-
gen bedeutsamsten Inhalts aus jener frühen
Periode sind ansgelegte Zerrbilder. Die
angelsächsische Kunst verräth gerade in
ihrem tiefen Ernst den hochgrotesken Bei-
geschmack sehr stark. Man betrachte die
Darstellung des ersten Sündenfalls in
der aus dem Ende des 10. oder Anfang
des 11. Jahrhunderts stammenden Hand-
schrift der angelsächsischen Pentateuch-
Übersetzung des Mönches Alfric (Wright
S. 54). Es ist ein Bild voll köstlicher
Komik. Eva redet ihrem Gatten zu, der
mit einer gewissen Hast und zugleich Scheu
Folge leistet. Adam ist sichtlich daran,
den Apfel ganz zu verschlingen, was zu
der mittelalterlichen Legende paßt, wor-
nach ihm die Frucht im Halse stecken ge-
blieben. Der Baum ist „von der Wurzel
bis zum Gipfel" ein künstliches Mach-
werk und es wäre schwer, sich vorznstellen,
wie er hätte den kleinsten Apfel hervor-
bringen können. Bäume zu zeichnen war
nicht die Stärke unserer alten Meister.
Sie gaben ihnen gewöhnlich die Form
eines Krautkopfes oder einer anderen
Pflanze von einfacher Bildung oder schließ-
lich eines Blätterbüschels. — Eine andere
Probe, ebenfalls angelsächsisch, stellt den
Löwentödter Samson (nicht, wie Wright
meint, David) vor und ist bemerkenswerth
nicht bloß wegen der unmöglichen Haltung
der ganz verzeichneten Mannsgestalt, son-
dern auch wegen der Ruhe des Thiers
neben den heftigen, überspannten Geberden
seines Gegners. Man verstand, wie es
scheint, weniger das Leben und die Be-
wegungen eines Thiers darzustellen als
eines Menschen, auch versuchte man es
seltener.

Außer diesen beiden Miniaturbildern
gibt Wright noch zwei Proben analoger
Skulptur, davon eine von etwas jüngerem
Datum. Unter dem rohen Bildwerk der
Abteikirche St. Georges in Boscherville in
der Normandie (gegründet in der zweiten
Hälfte des 11. Jahrhunderts) ist eine
Flucht nach Aegypten zu bemerken, welche
durch die unabsichtliche Karikatur der Ge-
sichter sowie durch ganz primitive Zeich-
nung ungemein fesselt. Maria ist ohne
Nimbus, während der des Kindes wie
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