Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 91
DOI Heft: 10.11588/diglit.15908.60
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15908.61
DOI Seite: 10.11588/diglit.15908#0101
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1891/0101
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
91

relief ausgeführt und namentlich das Haupt
ragt fast plastisch hervor. Diese Erhaben-
heit der Stickerei ist dadurch erreicht, daß
dicke Polsterungen von Stoff oder Lein-
wand unterlegt wurden; diese nähte mau
mit starken Seidenfäden so ab, daß die
richtigen Erhöhungen und Vertiefungen
sich bildeten, und nun erst überzog man
den Körper mit der feinen fleischfarbenen
Seide, von welcher aber nur mehr wenige
Reste unter dem Lendentnch erhalten sind;
der widerwärtige Eindruck, den die Stickerei
jetzt macht, kommt davon her, daß eben
die oberste Sticklage fehlt und nun gleich-
sam die Muskulatur bloß liegt. Rea-
listisch derb ist der Kopf behandelt, dessen
Haare sogar ans ineinander verflochtenen
Seidenfäden und Eisendrähten gebildet sind.

Diese Art der Stickerei bezeichnet das
Ende der mittelalterlichen Stickknnst. Sie
ist ein Beweis weiter für den demüthi-
genden Erfahrnngssatz, daß meist der letzte
Höhenschritt in der Entwicklung einer
Kunst die Cnlminationslinie scholl über-
schreitet und den Niedergang einleitet. Die
Stickerei kann es wagen, mit ihren Mit-
teln einen gewissen Wettstreit mit der
Malerei einzugehen, sie kann sich zur
Kunst der Nadelmalerei erschwingen; aber
kein kühnes Wagen mehr, sondern Ver-
wegenheit ist es, wenn sie mit der Skulptur
in Konkurrenz treten und mit Stoff und
Faden und Nadel plastische Gebilde er-
zeugen will. Die Jncongrnenz der Mittel
zum Zweck liegt da auf der Hand, und
das Resultat können nur Mißgebilde sein.

Der Grund des Kreuzes ist ähnlich
wie bei Nr. 2 mit Goldfäden ansgelegt;
nur sind diese dünner, aber ebenfalls von
solidestem Goldgehalt, der nur wenig an
Glanz eingebüßt hat. Auch diesen Fond
hat die Stickplastik noch bereichert mit
eigentümlichen Ranken und Blättergebil-
den , die auf eine Unterlage von Papier
und stark gnmmirter Leinwand gestickt,
dann ausgeschnitten und anfgenäht wur-
den. Die Stile sind auch erhaben be-
handelt und mit Goldfäden eingefaßt, die
Blättchen aber mit den in der Spätzeit
beliebten runden, vergoldeten, in der Mitte
durchbohrten Metallplättchen besetzt; solche
vertreten auch auf der Jnschrifttafel die
Stelle der Buchstaben.

Der Stoff dieses Meßgewandes ver-

dient noch besondere Berücksichtigung;
während alle andern Stoffe der Muste-
rung entbehren, hat dieser ein Dessin, das
auf den ersten Blick Wohlgefallen erregt.
Es ist das auch sonst schon beachtete und
in der neuen Seidenweberei auch wieder
nachgeahmte Granatapfelmnster, das iit der
letzten Peroide mittelalterlicher Seiden-
weberei eine so schöne Rolle spielte und
die Arabesken d. h. die von den Sara-
zenen und Mauren stammenden, meist aus
der Pflanzen- und Thierwelt kombinirten
Dessins nach langer Herrschaft ablöste.
Wir sehen in den Seidendamast einge-
woben die in vertikalen Reihen immer sich
wiederholende siebenblättrige Rose, die in
ihrem Innern den reich mit stilisirten
Blättern und Blüthen besetzten, unten auf
einem Krönlein ruhenden Granatapfel
birgt. Zwischen diesen wagrecht überein-
ander liegenden Reihen schlingen sich im
Zickzack geführte schöne Blätter- und
Blüthengewinde, über welchen wieder der
blühende Granatapfel prangt; Größe und
Form des letzteren ist hübsch variirt. Der
Stoff ist ein edler Repräsentant der guten
alten Seidenweberei, deren Produkte bei-
nahe unzerstörbar sind. Die vier Jahr-
hunderte sind gewiß nicht schonend mit
ihm umgegangen, aber sie haben außer
einer Trübung seiner Reinheit und seines
Glanzes ihm nichts anhaben können: so
fest hält Faden an Faden. Noch sei be-
merkt , daß unten am Meßgewand ein
schön über steife Leinwand gesticktes Wap-
penschildchen angebracht ist, das im nicht-
getheilten Felde zwei gekreuzte Widerhaken
zeigt; an diesem Ort pflegen oft Stifter
von Meßgewändern ihr Wappen anzn-
bringen. Wem dies Hakenwappen zn-
gehört, vermag ich nicht zu sagen; in
Albertis Württembergisches Adels- und
Wappenbuch findet sich S. 61 dasselbe
Wappen als das des Seytz von Byn-
stein (Beinstein OA. Gmünd), der 1487
Schultheiß zu Aalen war.

5) Als siebente Casel ist anznführen
ein einfaches Gewand von der branngelben
Farbe wie die Gewänder Nr. 3. Kreuz
und Stab fehlen ganz; der Seidenstoff
dagegen ist merkwürdig gut erhalten,
während das starke grobe Linnenfntter
brüchig geworden ist wie Zunder. Die
ursprüngliche Farbe scheint darnach gold-
loading ...