Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 92
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gelb gewesen zu sei». Von dieser gelbe»
Farbe, die ohne Zweifel für weiß galt,
si»d auch »och zwei Leviteugewäuder (Dal-
matik und Tunicella) vorhaude», von: ge-
wöhnliche» Schnitt, die Halbärmel zuge-
»äht, ohne gestickte oder gewobene Streife»,
dagegen überall mit Franse» besetzt. Ferner
ist eine gleichfarbige Stola da, schmal,
gleich breit von oben bis unten und unten
mit Quästchen besetzt. Zwei Ueberreste
von gestickten Kreuzen sind zu sehr ver-
gangen, als daß ihnen etwas Sicheres ent-
nommen werden könnte; ans dem einen
sieht man noch die Auszeichnung mit Tusch
oder Tinte und ein Stück der Polsterung,
über das gestickt wurde; beim andern ist
auffallend die starke Ausbiegung des Leibes
des Gekreuzigten.

Dies ist der mittelalterliche Para-
mentenschatz der Frauenkirche in Reut-
lingen, den in seinem romanischen Thnrin-
verließ die Flammen des großen Brandes
nid)t fanden und den selbst die Zerstörerin
Zeit beinahe vergessen zu haben scheint.
Ich habe die volle Zuversicht, daß die
Stadt Reutlingen diesen verblichenen Kunst-
werken der Stadt ans alter Zeit verständ-
nisvoll und pietätvoll ihren Schutz wird
angedeihen lassen. Darum enthalte ich
mich anch deö Wunsches, daß die Gewänder
an die K. Alterthnmssammlnng in Stutt-
gart abgetreten werden möchten. Dagegen
darf ich doch meinen Dank für die bereit-
willige zeitweilige Ueberlassnng derselben
in die Form einer Bitte zu ihren Gunsten
kleiden. Die Bitte geht dahin, es wolle
beschlossen werden, daß diese Paramente in
Anbetracht ihres hohen Alters in den ver-
dienteil Ruhestand versetzt werden, d. h.
daß sie nicht mehr hängend anfbewahrt,
sondern in eine oder mehrere Laden gelegt
werden. (Fortsetzung folgt.)

phantastische, scherz- und boshafte
Gebilde mittelalterlicher Kunst.

Von Stndtpfarrer Eugen Keppler in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Es mag dahingestellt bleiben, ob das
oben beschriebene joviale Wesen, das einem
Kops, den es vor sich hält, mit seinen
Krallen den Mund erweitert, als Kobold
oder als böser Geist zu deuten ist, oder
ob es die Flügel und Krallen der Fleder-

maus etwa nur als zufälligen Schmuck
trägt. Dieses Thier wurde nämlich als
Unglücksbote, wenn nicht als ganz unrein
angesehen und bildete wie die Eule die
Gesellschaft der Hexen und Teufel. Da-
gegen ist gewiß, daß z. B. die heraus-
hängende Zunge, dieses klassische Ver-
mächtniß, unseren Vorelternschon früh als
ein Zeichen der Unzucht galt. Nament-
lich aber im späteren Mittelalter dürfen
wir in ihr schwerlich eine leere Zierat,
sondern vielmehr eine Anspielung ans
jenes Laster erblicken. Unter den selt-
samen Bildwerken ans der zweiten Hälfte
des 12. Jahrhunderts, welche die Zinnen
der Kreuzgänge des Magdalen-College in
Oxford bekrönen, ist eine Anzahl, die
offenbar im Geist jener Zeit Laster, be-
ziehungsweise Tugenden sinnbilden soll.
Die Gaumenlnst und wohl noch ein zweites
Laster zugleich tritt ans in einer greulichen
Ungestalt mit Krallen an den Füßen in
priesterlicher, jedoch narrenhaft drapirten
Gewandung. Rohe Züge, ein aufge-
dunsenes Gesicht, das die Zunge weist,
eine gedrückte Stirn: das alles verräth
niedere und verwerfliche Triebe. Ein an-
deres Mannsbild, bärtig, unbekleidet, eben-
falls mit Krallenfüßen, sitzt da und hält
vor sich einen Hunds- oder andern Thier-
kopf , der die Zunge heranshängt. Es
scheint die verkörperte Fleischeslust und
zeigt Einzelheiten, welche Wright in seiner
Abbildung anslassen mußte. Und diese
schamlosen Bilder versteckten sich nicht etwa
in Miniatnrform, wie gewöhnlich der Fall,
an einem Pfeiler, einem Geländer oder
in der stillen Ecke eines Chorstuhls, nein,
sie standen als freie Figuren vor aller
Angen. Ist das nicht empörend? Nach
unserem Geschmack ist es freilich nicht,
aber die alte Kunst hatte keine andere
Absicht, als durch solche naturgetreue Dar-
stellung vom Bösen abzuschrecken. Anch
unsere Zeit versteht es, das Laster natur-
getreu zu zeichnen, aber so, daß es nicht
abstoßt, sondern anlockt, nid)t Hassenswerth
erscheint, sondern begehrenswert!). Was
ist nun sittlicher? Allerdings trugen die
mittelalterlichen Künstler oft sehr derb
ans, aber so mußten sie anftragen, wenn
es bei derben Naturen wirken sollte.

Uebrigens hat die hl. Schrift selbst
und die Schrifterklärnng der Väter ihnen
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