Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 96
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Es braucht kaum besonders hervor-
gehoben zu werden, daß Wilperts Unter-
suchungen eine epochemachende Leistung
sind, für die man nicht genug dankbar
sein kann. Die Ikonographie der Kata-
komben — sein Verdienst ist es, dies
nachgewiesen zu haben — arbeitete bisher
mit großentheils gefälschtem Material;
eine Reihe von Auffassungen und Positionen
sind ganz hinfällig. Es ist der Beweis
erbracht, daß die alten und auch neuere
Kopien für speziellere Fragen so gut wie
nnbrauchbbar sind. Und doppelt tritt dem
gegenüber das Verdienst de Rossis ins
Licht, welches von gewisser Seite syste-
matisch herabgedrückt werden wollte, denn
ihm verdanken wir die ersten getreuen
Kopien. Den Verfasser, de Rossis hoch-
begabten Schüler, kann man zu diesem
tüchtigen Werk beglückwünschen uub seinen
in Aussicht gestellten Studien über die alt-
christlichen Bildwerke muß man mit Span-
nung entgegensehen.

lieber die Herkunft des Meisters Jakob
Rueß von Ravensburg.

Es ist kein ungünstiges Zeichen, das; verschie-
dene Bewerber uni die Ehre der landsmann-
schaftlichen Angehörigkeit des Meisters Jakob
Rues; auftrcten.

Nach Dr. All gast er (Das Holzschnitzwerk im
Nathhanssaale zu lleberlingen S. 57) erheben die
Schweizer Ansprüche für Luzern, weil dort
ca. 1477 ein Melchior Nus; als Stadtschrciber
lebte. Von Baden ans wird ans Viliingen
hingewiesen, weil dort ein Tücher Jakob Ruß
1477 lebte („Archiv für christl. Kunst" 1888,
S. 116). Unter solchen Umständen ist es ange-
zeigt, daß auch von Seite der näheren Umgebung
von Ravensburg selbst dieser Frage gebührende
Aufmerksamkeit zugewandt wird.

Ueber den Bestand eines Geschlechts Rueß oder
Ruß in der Nachbarschaft von Ravensburg im
15. Jahrhundert sind noch keine Nachforschungen
mit dem speziellen Zweck einer Nachweisung dieses
Familiennamens angestellt worden. Nur ganz
gelegentlich wird von Hafner (Geschichte von
Ravensburg S. 366) ein Mel Ruß von Bitze n-
hofen 1458 aufgeführt, der an Atel Hundbiß
mehrere Lehenrcchte übergiebt. Dieses Bitzen-
hofen ist ein Filial der Pfarrei Oberthenringen,
jetzigen Oberamts Tettnang, und kam nach Hafner
(1. c. 279) im Jahr 1410 durch Kauf an den
Spital Ravensburg. Ferner wird bei Hafner
(1. c. 542) die Bürgeranfnahme eines Ruß im
Jahr 1574 angeführt, aber sonst ohne nähere
Bezeichnung.

Soviel ans den älteren Zeiten.

Ein Angehöriger dieses Geschlechts hat in den
Kirchenbüchern zu Oberthenringen weitere Nach-
forschungen angeslellt. Dieselben gehen nur bis
znm Jahr 1658 zurück. Aber schon im Jahr
1659 findet sich eine Eheschließung eingetragen
eines Melchior Rnes; und fortan erweist sich
dieser Familienname als ein in der Pfarrei,
besonders in Bitzenhofen, Rammetshofen,
Riether, Hefikofen, Rueßcnrente re.,
sämtlich Filialien von Oberthenringen, äußerst
zahlreich verbreiteter, der bis heute noch vielerorts
fortbesteht.

Unter solchen Umständen ist es nicht noth-
wendig, die Herkunft des Meisters Rueß in weiter
Ferne zu suchen; die nächste Umgebung von
Ravensburg kann ihre Ansprüche mit Erfolg
geltend machen lind aufrecht erhalten.

Dr. Probst.

Literatur.

Dcr Todtentanz in der St. Mi-
chaelskapelle auf dem alten Friedhof
zli Freiburg i. Br. 14 Abbildungen
mit erläuterndem Tept von A. Prin-
s i g ii o lt. Herausgegeben vom Breis-
gauverein „Schau-ins-Land." Frei-
burg, Herder 1891. Preis 1 M.

Ein willkommener Beitrag zur Geschichte der
Todtentänze, interessant nicht so fast wegen der
Qualität der betreffenden Darstellungen, als we-
gcn der Entstehungszeit. Ein tüchtiger Meister
der Zopfzeit, Wenzinger, Maler, Bildhauer
und Architekt zugleich (1710—1797) hat im Jahr
1757 dieses kräftige, ans Gefühl und Geschmack
der Zeit berechnete kckemento mori an die Wände
der Kirchhofkapellen zum hl. Michael in Freiburg
angemalt; die im Jahr 1856 durch Dominik
Weber erneuerten Bilder, anfgenonnnen von
Dekorationsmaler Wilhelm Weber, sind auf 14
Tafeln recht gut wiedergegeben. Wir sehen hier
den Knochenmann ein Kind in der Wiege schau-
keln und in den ewigen Schlaf geigen, die Hand
des Schnlknaben beim Schreiben führen, ein tän-
delndes Mädchen beim Zopf packen, mit einem
Jüngling sich auf der Mensur messen, einer putz-
süchtigen Dame Asche als Puder aufs Haupt
streuen u. s. f. In jedes Lebensalter und in
jeden Ltand — das ist die leitende Idee des
ganzen Cyklus — tritt der Tod wie in seine
Domäne herein. So charakteristisch diese Bilder
sich von den mittelalterlichen Todtcntänzen unter-
scheiden. so weht doch auch über sie hin noch ein
kräftiger Hauch der alten naiven Volksthümlich-
keit und des mit einem gewissen Humor sich
mischenden Lebensernstes. Die Gemälde waren
einer Nachbildung und Besprechung würdig, weil
sie eine der spätesten malerischen Darstellungen
der Todtentanzidee sind, welche bekanntlich schon
im 14. Jahrhundert in der bildenden Kunst ans-
tatt ckt. —

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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