Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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mit Todtenkopf in die Welt einführen.
Ein Geistlicher, von einer Kanzel herab
predigend, eröffnet den Neigen. Der Tod
führt ihm den Papst zn, welcher den Vor-
rang hat, denn jeder Mitwirkende nimmt
genau den Platz ein, den ihm seine gesell-
schaftliche Stellung anweist. Immer wechselt
ein Laie mit einem Kleriker ab. Gleich
nach dem Papst kommt der Kaiser; auf
den Kardinal folgt der König; auf den
Baron der Bischof und der grimme Part-
ner des letzteren giebt sich augenscheinlich
mehr mit dem Laien, als mit dem ihm
beigesellten Kirchenfürsten ab, so daß der
Aermste den Tod zweifach auf deu Fersen
zu haben scheint. Nach einigen weniger
bedeutsamen Gruppen kommen wir zu einem
Kaufmann, der mit sinnender Miene den
herantretenden Tod betrachtet, während
hinter ihm ein zweiter Tod seine Blöße in
einen Mantel hüllt, um sich einer sittsamen
Nonne geziemend nähern zu können. Et-
was weiter weg senden zwei Todesgestalten
mit Pfeil und Bogen bewaffnet ihre Ge-
schosse ein wenig ins Blaue hinein ab.
Darauf folgen einige der Lustigsten und
Jüngsten aus der Gesellschaft. Dem Spiel-
mann vergeht die Lust; zwei Verfolger
zugleich scheinen eS auf ihn abgesehen zu
haben, und in seiner Angst schreitet er
über seine Geige. Zuletzt kommt das ge-
wöhnliche Volk au die Reihe. — Vor dem
Ende des 15. Jahrhunderts waren in Paris
mehrere Auflagen erschienen von einer
Sammlung keck ausgeführter Holzschnitte
in Kleinfolio, welche denselben Tanz, je-
doch in einigermaßen verschiedener Auf-
fassung zum Gegenstände hatten. Ueber-
haupt scheint die ganze Idee ihre Wurzeln
in französischem Boden zu haben. Zu
höchster Entfaltung aber und zu weitester
Verbreitung gelangte sie im folgenden Jahr-
hundert in der berühmten Bilderreihe des
großen deutschen Künstlers Hans Hol-
bein, welche zum erstenmale im Jahre
1538 ans Licht trat. In der Folge
sehen wir die Scenen des Todtentanzes
häufig in den Anfangsbuchstaben und in
den Nandverzierungen namentlich religiö-
ser Schriften ihren Platz finden (Wright
S. 192 ff.).

Ans solchen Bildwerken spricht also
(so wenig man es einsehen wollte) gar
deutlich der Prediger — auch aus den

Todtentänzen, die keinen andern Zweck
hatten, als das »Media vita«: „Mitten
im Leben sind wir vom Tod umrnngen"
nach allen Seiten volksthümlich zu be-
leuchten. Nun giebt es aber andere Dar-
stellungen , in denen der Prediger mehr
oder weniger dem Schalke Platz macht:
dem Schalk mit seinem Lachen, das bald
gemüthlich, bald kritisch, bald sogar kaustisch
und ironisch anmuthet. Auf dieser Stufe
will das Groteske nicht mehr durch seine
Häßlichkeit allein gefallen: es sind Per-
sonen, Stände, Zustände, gegen die es
losgelassen wird; das ist das Gebiet der
Satire, des Sarkasmus, der Parodie. —
Es ist dem Meuschen wie das Lachen über-
haupt, so auch iusbesoudere das Lachen
ans fremde Kosten (und ein wenig auf
feine eigenen Kosten) angeboren. Selbst
die Wilden haben für lächerliche Seiten
ihrer Nebenmenschen eine rasche Anffas-
sungsgabe, die sich im Verkehr sehr fühl-
bar macht. Als Kunst und Wissenschaft
noch nicht einmal dem Namen nach be-
kannt waren, als das Stammesoberhaupt
noch innerhalb seiner vier Pfähle thronte,
umgeben von seinen Kriegern, vergnügten
sich diese, indem sie ihre Feinde und Gegner
verhöhnten, ihre Schwächen verlachten, ihre
leiblichen oder geistigen Gebrechen zur Ziel-
scheibe ihres Witzes, zum Ausgangspunkt
neckischer Uebernamen machten, auch zu
ihren Ungunsten allerhand Geschichten er-
zählten. Wenn die Sklaven, denen der
Feldbau oblag, einen freien Tag hatten,
äußerte sich ihre lärmende Heiterkeit in
ausgelassenen Neckereien und Spottreden.
Als endlich dieselben Stämme sich Woh-
nungen bauten und Verzierungen anbrach-
ten, verwendeten sie dazu mit Vorliebe die
Gegenstände ihres Spottes. Der Krieger,
welcher während des Festschmanses seinen
Feind lächerlich machte, suchte bald seine
Bosheiten dauernder zu sixiren und kritzelte
zu diesem Zweck rohe Ungestalteu ans die
Felswand oder sonst eine taugliche Fläche.
So entstand das Karikirte und Groteske
in der Kunst, soweit es beabsichtigt war.
So gaben die Römer gerne demjenigen,
welchen sie haßten oder verachteten, ver-
zerrte Gesichtszüge, und Plinius berichtet,
daß zu einer gewissen Zeit unter den bild-
lichen Darstellungen auf dem römischen
Forum sich auch die eines Galliers befand,
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