Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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„der die Zunge auf sehr unziemliche Weise
herausstreckte" (Nat. G. B. 35, 8).
(Fortsetzung folgt.)

Die neue Herz-Iesu-Rirche in Graz.

Am 5. Juni d. I. ward in Graz die
letzte Hand, die des konsekrirendeu Bischofs,
angelegt au eine Kirche, welche unstreitig
zu beit großartigsten kirchlichen Bauten der
Neuzeit gehört und allgemeiner bekannt zu
werden verdient. Letzteres ermöglicht eine
schön geschriebene und reich ansgestattete
Festschrift aus der Feder des sehr verdien-
ten Redakteurs des „Kirchenschmuck", des
geistlichen Nathes und Konservators Jo-
hann Graus, der auch bei Planung
und Entwerfnng des Baues hervorragend
betheiligt war (Die Herz-Jesn-Kirche in
Graz. Graz, Styria. 1891. 64 S. n.
9 Tafeln). Bauherr der Kirche ist der
F ü r st b i s ch o f Zwerge r von Seckau;
die Bankasse wurde gefüllt mit Beiträgen
ans der ganzen Diözese; Baumeister war
Georg H a u b e r r i s s e r in Münch en,
Schüler des Dombaumeisters Schmidt,
Erbauer des Rathhauses von Kaufbeuren
und der neuen Pfarrkirche St. Paul in
München, Restaurator der St. Sebaldus-
kirche in Nürnberg. Der hohe Bauherr
übergab die ganze wichtige Angelegenheit
dem Ausschuß des christlichen Kunstver-
eins; dieser setzte eine eigene Kirchenbau-
sektion ein, deren Hauptaufgabe die Wahl
und Erwerbung des Bauplatzes, die Fest-
stellung des Planes der Kirche, die Be-
stimmung des Baumeisters, dann die Fer-
tigung der Entwürfe für die innere Aus-
stattung war. Das Comite hat seine
Aufgabe meisterhaft gelöst, und das Resul-
tat seiner vielen Arbeit ist ein Bau, durch-
dacht vom Fundament bis zur Thurmspitze,
einheitlich und organisch in allen konstruk-
tiven Gliedern und in jedem Stück der
Innenausstattung.

Der Ausschuß des Kunstvereius war es
auch, welcher dem erwählten Architekten
den Stil (Frühgothik) vorschrieb und die
Grundidee des Baues, schon klar und
scharf Umrissen, an die Hand gab. Man
hatte zunächst mit der Eigenthümlichkeit
des einzig möglichen Bauplatzes zu rechnen,
der bedeutend tiefer liegt als das Niveau
der umliegenden Straßen. Um dies aus-

zugleichen, entschloß man sich zur Anord-
nung einer Uuterkirche, die nun in sehr
respektablen Dimensionen sich unter dem
ganzen Kircheubau hindehut und als Armeu-
seelenkirche gute Verwendung findet, lieber
ihren Mauern und Gewölben steigt maje-
stätisch der Hochbau empor. Das für ihn
gewählte System ist das der eiuschisfigeu
Kirche mit organisch in die Konstruktion
eingebundenen Kapelleureiheu zu beiden
Seiten. Dieses System, das schon im

12. Jahrhundert im romanischen Stil, vom

13. Jahrhundert au in der Gothik nach-
weisbar ist und in der Zeit der späteren
Stile wieder ausgenommen wurde, bietet
in der That große Vortheile, und wir
haben ihm in diesen Blättern öfter das
Wort geredet, auch in unserem Land bei
Neubauten wiederholt davon Gebrauch ge-
macht, nur mit der Modisizirung, daß
wir für Dorfkirchen die Kapellen durch
Bogenöffnungen miteinander in Verbin-
dung setzten und sie mit Ausnahme der
beiden nächsten am Chor für die Seiteu-
gänge in Anspruch nehmen. Die Vorzüge
liegen in der Ermöglichung einer sehr-
breiten Hauptschiffanlage, deren Decke oder
Gewölbe an den Kapellenmauern einen
starken Rückhalt findet, in der Ermög-
lichung eines unbehinderten freien Blickes
auf Hochaltar und Kanzel für die ganze
Gemeinde, in der Gewinnung wahrhaft
würdiger, aus dem Laienraum abgesonder-
ter Kapellenräume für die Nebenaltäre,
für Taufstein und Beichtstühle. Hier ist
die Konstruktion in der Weise durchge-
führt, daß das Schiff mehr als die dop-
pelte Höhe der Seiteukapellen erhielt und
zur Stützung der Hochmauer die Scheide-
wände der Kapellen nach oben in abge-
schrägten, gegen den Mittelbau sich stem-
menden Strebemaueru fortgesetzt wurden.
Das äußere Architekturbild gestaltet sich
so überaus reich und lebendig. Der Ein-
druck der Kraft und Wucht herrscht vor,
wie es beim frühgothischeu Stil .sich ge-
ziemt; das Ornament ist überall konstruktiv
berechtigt und wird nirgends zum Spiel
mit Formen. Der Chor wirkt durch seine
imposante Höhe; der au die Südwestecke
des Langhauses gerückte Thurm zeigt sehr-
gute Verhältnisse und kraftvolle Gliede-
rung; er hat die imposante Höhe von
109,60 m und vermag sich so voll zu
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