Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 105
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Archiv für christliche Ärmst.

Organ des Rottenburger Diozesan-Oereins für christliche Kunst.

^erausgegeben und redigirt von Professor Dr. Aeppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesau-Ruustvereius, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Kcppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für Ji 2.05 durch die württembergischen (Ji 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), .-M2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
jPk-*» j-. fL 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3-40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden ll6r^r
auch angenonnuen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt iüyi.
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von Ji 2. 05 halbjährlich.

phantastische, scherz- ltud boshafte
Gebilde mittelalterlicher Kunst.

Von Stadtpfarrer Eugen Keppler in Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Um auf die deutschen Stämme zu kom-
men, so hatten sie, wie auch die skandi-
navischen, ihre Volksfeste, bei welchen die
tollsten Witze sprühten. In seiner Lebens-
geschichte des Dichters Cädmon erzählt
Beda, es sei im siebenten Jahrhundert
bei den Angelsachsen Sitte gewesen, daß
die Genossen des Gelags abwechselnd sangen
und sich dabei mit einem Instrument be-
gleiteten. Später trug ein einzelner die
Kosten der Unterhaltung, und noch später
waren es Leute vom Fach, der Hofnarr
und andere Spaßmacher, die eigens zu
diesem Zweck angestellt waren oder jeweils
bestellt wurden. Die Gesänge, an denen
man sich erlnstigte, drehten sich um Sagen,
abenteuerliche Erlebnisse, Allsschneidereien,
Sticheleien ans die Feinde. Nicht bloß
konnten sie satyrisch im Allgemeinen sein,
sondern auch sehr persönlich zugespitzt;
sie gaben ärgerliche Dinge zum besten so-
gar über solche, welche noch lebten und
den Zuhörern wohl bekannt waren —
trotzdem Gesangsvorträge >;in blasphe-
miam alterius« immer aufs Nene ver-
boten wurden (vgl. Wright S. 2, 39, 42
und für das Folgende S. 43, 142).

Solche Unterhaltungen sind kie Wiege
der humoristischen und satyrischen Literatur.
Diese aber muß mall (in ihren spärlichen
Ueberresten) zu Rathe ziehen, wenn man
die humoristisch-satyrischen Kunstgebilde
von damals sich liäher bringen will. Man
findet da Lieder- und andere Vorträge,
welche sich ohne Scheu außer den Schranken
des ästhetischen und moralischen Allstandes
bewegten und zur regelmäßigen Erheiterung
der Burgherren und — Edelfranen dienten.
Man findet scharfe Satyren, die wie das I

Speculum Ecclesiae des Giraldns die
Welt im Großen aufs Korn nahmen, oder
lvie der Archithrenius (— Henlmaier)
des Jeail de Hauteville einzelne Stände
(dieser die Studierenden, gelegeiltlich auch
die Hofleute) bloßstellteil. Man findet
Verspottungen — auch mitunter Selbst-
Verspottungen — aller Stände: des Rit-
ters und des Baliern, des Scharsrichters
nild des Jndeil, des Schalksnarren uild
des — Teufels. Man findet die ganze
Schale des Witzes vom leichtschänmenden
Scherz an bis zur bittern Hefe der Ironie
ausgegossen über ben Klerus, namentlich
in der Goliardiscken Poesie, die vom Papste
bis zum letzten Geistlichen keinen ungernpft
läßt, sie ilach dem Geschmack des Aristo-
phanes ill lächerliche Lagen bringt und
alberne Dinge sagen läßt und nach deut-
schem Geschmack in Thierfignren bannt.
Man findet endlich das ganze Mittelalter
hindlirch eine Wuth zu parodiren, die nichts
verschont ließ, selbst das Heiligste nicht,
daher parodirte Heiligengeschichten, paro-
dirte Beichte, parodirte Predigt, parodirte
Messe, in der berüchtigten »Missa de
potatoribus« sogar ein parodirtes Vater-
unser.

Von all diesem hat nun Manches sich.
an jenen Bauten niedergeschlagen, welche
jene ganze Zeit widerspiegeln, und diesen
Niederschlag haben wir in den Grotesk-
bildwerken vor uns. Aus ihnen spricht
derselbe Geist uns an wie aus den gro-
tesken Erscheinungen der damaligen Lite-
ratur. Es ist dieses der Schalksgeist,
der bisweilen eine sehr bedenkliche Stellung
gegen die positiven Mächte des Lebens ein-
zunehmen scheint, aber auch nur scheint
— im Ernst hat er's ans sie nicht ab-
gesehen! — sonst müßte das Mittelalter,
was es gewiß nicht ist, eine skeptische Zeit
sein durch und durch! Es ist die Lach-
wnth, die in ihrem Hunger nach dem
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