Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

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geführt, aber genau die Profilirungeu der-
selben angegeben, so daß ein Kunstschreiner
darnach zu arbeiten vermag. Die .Zeich-
nungen sind alle in natürlicher Größe
gefertigt. Die Profile Fig. 1 und 2,
Fig. 3, auch Fig. 5 sind mehr flach ge-
halten und eignen sich für kleinere Räume
besser; bei Fig. 4 und 6 ladet die Prosi-
lirnng stark aus, namentlich mit einem
kräftigen Rnndstab. Es ist dafür in den
Entwürfen Sorge getragen und bei der
Ausführung Sorge zu tragen, daß die
Kreuze am Nahmen richtig angebracht wer-
den können. Bekanntlich sind die 14 höl-
zernen Kreuze das Wesentliche bei Errich-
tung eines Kreuzwegs und sie bilden das
eigentliche Objekt der Weihung; sie sollen
nicht schon vor derselben an der Wand
oder am Stationenbild befestigt sein, son-
dern erst nach der Weihung an ihren Ort
verbracht und fixirt werden. Wie die
Kreuze auf der Rahme anznbringen sind,
zeigt Fig. 1, 2 und 6; es wird in derselben
zunächst die Vertiefung angebracht, in welche
dann die Krenzchen nach der Weihe ein-
gelassen unb befestigt werden.

Für die Anbringung der Tafeln an
Kirchenwänden gibt die Textbroschüre S. 35
einige Winke. Es besteht eine Weisung
der Congr. Ind. vom 13. März 1837,
wornach mit der Stationenreihe ans der
Evangelienseite begonnen, ans der Epistel-
seite geschlossen werden soll. Es war aber
in der Marienkirche in Stuttgart nicht
möglich, diese Ordnung einzuhalten und
auch unsere Tafeln müßten daher in um-
gekehrter Folge anfgehängt werden. Wird
die im Textbuch S. 35 gegebene Weisung
befolgt und ist die Rahme vorn und hinten
genau geschlossen, so ist auch für Halt-
barkeit der Tafeln, trotzdem sie nur mäßig
starkes Papier haben, genügende Garantie
gegeben. Sollten aber je dieselben unter
ganz ungünstigen Verhältnissen nach
längerer Zeit Schaden leiden, so ist man
immerhin noch in weit günstigerer Lage
als bei gemalten Stationen, denn der
niedrige Preis erlaubt dann eine Ersetzung
der Bilder durch neue; dadurch würde
nicht- einmal eine abermalige Weihe not-
wendig gemacht, solange Rahmen und Kreuz
intakt bleiben, da, wie schon oben gesagt,
die Segnung an den Kreuzen haftet und
die Einsegnung des Bildes nicht wesentlich

und nothwendig ist. Die bloße zeitweilige
Entfernung der Stationskreuze von ihrem
Orte berührt den Bestand des Kreuzwegs
nicht. Es ist nur noch zu bemerken, daß
bei Einrahmung der Station 1 und 14
die feinen Seidenbändcheu zu lösen und
die drei Theile des Cartons so genau als
möglich zusanunenzustoßen und von hinten
durch Aufklebung eines Streifens Papier
zu Einer Tafel zu verbinden wären.

Dem Verlag von Herder in Frei-
burg schuldet man für die mühevolle
Edirung und feine Ausstattung dieses
Stationenwerks großen Dank; er hat sich
damit um die Malerschule des Klosters
Beuron und um die ganze kirchliche Kunst
ein großes Verdienst erworben.

Ueber einige Maßverhältnisse des
Münsters zu Ulm und seines
Lhorgestühles.

Vvn Lycealprofeffor F. X. Pfeifer in Dillingen.

Als Verfasser dieses Artikels vor mehreren
Jahren die Maßverhältnisse der Grundrisse
ägyptischer Tempel auf den Tafeln des großen
Werkes von Lepsius, „Denkmäler aus Aegyp-
ten", unterfuchte, machte er die Bemerkung,
daß von den Rechteckformen, welche in jenen
Grundrissen auftreteu, mehrere mit jenen
Rechteckformen übereinstimmen, welche in der
von Euklides angeweudeten Konstruktion des
goldenen Schnittes Vorkommen. Es muß
nämlich hier nebenbei bemerkt werden, daß
Euklid, der bekanntlich zuerst in seinen Ele-
menten der Geometrie die Konstruktion des
goldenen Schnittes und den darauf bezüg-
lichen Lehrsatz sammt Beweis aufführt, eine
ganz andere Zeichnung oder Konstruktion zu
diesem Zwecke gebraucht, als die, welche in
beit neuen mathematischen Lehrbüchern sich
gewöhnlich findet. In der von Euklid an-
gewendeten Figur erscheint ein Quadrat,
welches durch die Konstruktion in zwei läng-
liche Rechtecke zerlegt wird. Die Linie, wo-
durch das Quadrat in zwei ungleiche läng-
liche Rechtecke zerlegt wird, hat eine solche
Lage, daß zwei gegenüberliegende Quadrat-
seiten nach dem goldenen Schnitt getheilt
sind. Das Verhältniß der Schmalseite zur
Langseite in jenen beiden Rechtecken ist ver-
schieden. In einem der beiden Rechtecke,
und zwar im größere,:, verhält sich die
Schmalseite zur Langseit' wie der Minor
des goldenen Schnittes zum Major. In
dem andern Rechteck aber verhält sich die
Schmalseite zur Langseite, wie im goldenen
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