Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 9.1891

Seite: 109
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Schnitt der Minor zum Ganzen. Dieses
andere Rechteck hat also eine mehr in die
Länge gestreckte Form als das erstere. Wenn
wir die Langseite mit L, die Breitseite
mit 8, den Major des goldenen Schnittes
mit M, den Minor mit m bezeichnen, so
können wir jene zwei Rechteckformen ganz
kurz durch folgende zwei Formeln charakteri-
siren:

Formel für Rechteck Nr. 1: B — B — m.

Formel für Rechteck Nr. 2: B = L — M.

Bei dem ersten Rechteck müssen wir, nur
ans der Länge die Breite zn erhalten, den
Minor von B abziehen, beim andern müssen
wir den Major abziehen.

Diese beiden Typen von Rechtecken finden
sich nun bald mehr bald weniger genau in
den Grundrissen ziemlich vieler Tempelbauten
sowohl des vorchristlichen Alterthnms als
auch der christlichen Zeit, und zwar ist bis-
weilen mir eine jener Rechteckformen, bis-
weilen aber sind auch beide in dem Grund-
risse eines Tempelbaues repräseutirt. Im
Grundriß des Domes zu Pisa z. B., welcher
bekanntlich sehr ausgeprägte Kreuzesform hat,
entspricht jenes Rechteck, welches vom Haupt-
eingang bis zunr Beginn des Transseptes
reicht und das Langhaus bildet, im Innern
gemessen, der Formel B = L in. Wenn
wir aber die durch das Transsept hindurch-
gehende und bis zur Apsis reichende Fort-
setzung noch hinzunehmen, so erhalten wir
ein Rechteck von der Formel B = L — Ni.

Wenn wir nun das Verhalten des Grund-
risses des Ulmet Münsters zu jenen Rechteck-
Typen untersuchen, so zeigt es sich, daß we-
nigstens die Rechtecksorm nach der Formel
B = L — M sehr annähernd repräseutirt ist
und zwar in der Form und den Dimensionen
des Langhauses zwischen dem Chor und der
Vorhalle unter dem Thnrmbau.

In dem von Stadtpfarrer Psteiderer her-
ansgegebenen Büchlein über das Münster ist
S. 38 die Länge des Langhauses vom Chor
bis zur Querwand der Vorhalle zu 75,30 w,
die innere Breite aber zu 48,75 m angegeben.
Ein nach diesen Maßverhältnisseu konstruiries
Rechteck würde nun allerdings von der For-
mel B = L — m um mehr als ztvei Meter
in der Breitedimension abweichen. Nun ist
aber Folgendes zu beachten. Das Langhaus
erstreckt sich in den Seitenschissen etwas wei-
ter gegen Westen, als im Mittelschiff, wenn
hier die Thurmpfeilerwand als Grenze an-
genommen wird, was Psteiderer gethan hat.
Wenn ich auf dem schönen und großen Plane
von Reeß in dem Werke von Egle „Mittel-
alterliche Baudenkmale ans Schwaben re."
die Länge des Langhauses mit Rücksicht aus
die Seitenschiffe bestimme, so ergeben sich

gerade 75 m. Auch iu Betreff der innereu
Breite siud zwei verschiedene Bestimmungen
möglich; entweder von Mauer zu Mauer
oder von einem aus der Mauer etwas her-
vortretenden Pfeiler zum gegenüberstehenden.
Der Maßangabe von Psteiderer liegt offen-
bar die erstere Bestimmung zu Grunde. Bei
der zweiten Bestimmung nach dem bezeich-
neten Plane finde ich bloß eine innere Breite
von 47 m. Die so bestimmten Maße nun,
nämlich für die Länge des Langhauses, ohne
Chor und Vorhalle, 76 m, und für die Breite
47 m geben ein Rechteck, das von der Formel
B — L — m bloß etwa um einen Zoll (ge-
nauer 32 mm) abweicht. Dieser nämlichen
Rechtecksorm muß, wenn die Planzeichnung
des Chores und Chorgestühles in denr mir
vorliegenden Plan einigermaßen genau ist,
auch der durch die Chorstuhlreihe begrenzte
Raum entsprechen. Die Längenausdehnung
der vorderen Chorstuhlreihen beträgt in dem
bezeichneten Plane 18 m; der Zwischenraum
aber etwas über 11 m. Das Chorgestühl
bestimmt die Länge, der Zwischenraum die
Breite des fraglichen Rechteckes. Ans der
Formel B = L — in ergibt sich eine Breite
von 11,1 m.

Wenn wir nun jene Maße, die wir vorhin
für die innere Länge und Breite des Lang-
hauses (ohne Chor und Vorhalle) erhalten
haben, nämlich 76 m und 47 m, welche sehr
nahe wie Major und Minor des goldenen
Schnittes sich verhalten, addiren, so ist die
Summe 123 m. Diese Summe nun stimmt
bis auf eine Differenz von 0,55 mit dem
Maße überein, welches Psteiderer für die
innere Gesammtlänge des Baues angegeben
hat, denn seine Angabe lautet auf 123,55 m.
Daraus folgt, daß die Chorlänge und die
Tiefe der Thurmhalle zusammen zu der zwi-
schen beiden liegenden Ausdehnung des Lang-
hauses ziemlich annähernd wie der Minor
zum Major des goldenen Schnittes sich ver-
halten.

Auch die andere jener zwei Rechteckformen,
wofür oben die Formel B — B — M auf-
gestellt worden, ist im Münster zu Ulm ver-
wendet, aber nicht im Grundriß des Baues,
sondern im Chorgestühle. Oberhalb eines
jeden Chorstuhles befindet sich ein durch zwei
vertikale Rnndstäbe eingefaßtes und in zwei
übereinander liegende Partieen getheiltes,
rechteckig begrenztes Feld. Die untere Partie
ist leer, die obere enthält, mit wenigen Aus-
nahmen, eine aus geschnitzte Figur.

Die Rundstäbe, welche diese Felder auf bei-
den Seiten einrahmen, endigen oben mit
einem zierlichen Kapitäl und je zwei solche
Kapitäle sind durch einen horizontalen Stab
verbunden. Die Höhe eines solchen Feldes
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