Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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wir unbedenklich zu stärkeren Tönen ge-
griffen, aber es scheint, der Maler hatte
hier zum Theil mit jenen viel verbreiteten
Vorurtheilen zu kämpfen, welche darauf
schwören, daß jede entschiedene Farbe die
Kirche verdunkle und daß namentlich Kir-
chen des Spätstils eigentlich bloß Weiß
oder ganz Hell vertragen können. Die
Hohlkehle, welche Längswände und Pla-
fond scheidet, ist etwas dunkler gehalten
und mit einem Ornament versehen; letz-
teres wäre besser ausgefallen, weil in dieser
Höhe doch nicht mehr sichtbar und der
Ton hätte noch kräftiger gewählt werden
dürfen. In den Zwickeln des Plafonds
wiederholt sich in etwas langweiliger Weise
dasselbe Ornament; ein Motiv desselben
ist zudem zu beanstanden, weil es die Linie
strenger Decenz fast überschreitet. Der
Teppich in den untern Chorflächen ist eben-
falls zu hell; wird er, was wohl an dieser
exponirten Stelle bald der Fall ist, schad-
haft, so rathen wir dessen Ersetzung durch
einen einfachen kraftvollen Ton.

Von den Plasondgemälden sind drei ans
der Beilage abgebildet, so gut es mittelst
Zink-Cliches möglich war. Die seine De-
tailansführnng, vor allem die ganz exquisite
Farbenstimmung konnte nicht wiedergegeben
werden; immerhin erlaubt das Cliche ein
Urtheil über Bau und Werth der Kompositio-
nen. Ueber der Orgel ist eine hl. Cäcilia
angemalt, dann folgt die Darstellung: Jesus
der Kinderfreund. Bei allem Figurenreich-
thum ist sie durchaus einheitlich, bei allem
künstlerischen Detail streng auf einen Ge-
danken konzentrirt, bei aller Weichheit des
Stiles und Gefühls nicht sentimental, son-
dern ächt religiös; vielleicht dürfte Haltung
und Haupt des Heilands noch etwas mehr
Hoheit und Würde haben.

Das große Mittelfeld des Schiffplafonds
füllt die Anbetung des heiligsten Sakra-
mentes. Der erste Blick auf diese Kom-
position zeigt, welchem Meisterwerk die
Grundidee entnommen ist und daß auch
im Aufbau Raphaels unsterbliche Disputa
benützt wurde. Der Meister aber zeigt
sich in der geistvoll freien Weise, in wel-
cher die Vorlage benützt wird. Von der
unteren gewandt und geordnet gruppirten
Schaar, deren Augen alle auf den Einen
geheimnißvollen Punkt hin gebannt sind,
deren Gesichter Glaube, Liebe, Dank, An-

betung in alleil Modulationen und Stärke-
graden ansdrücken, hebt sich unvergleichlich
schön ab die obere himmlische Scene, deren
Gestalten im Duft der Glorie verwehen.
In der Thal eil: Bild, das ein Overbeck
nicht hätte besser malen können.

Es folgt als letztes Bild gegen den
Chorbogen hin die Anbetung der hl. drei
Könige. Die Hirten sind noch anwesend
gedacht; Haltung und nackte Schulter des
knieenden ist gesucht uub verkünstelt. Die
hl. Mutter verbindet Hoheit mit zarter
Bescheidenheit; besonders gut ist die würde-
volle Gestalt des hl. Joseph, die sinnende
Aufmerksamkeit, mit der er dem Vorgang
folgt. Das weiß bekleidete hl. Kind sollte
aber ansrecht sitzen; die Entgegennahme
der Hnldiglmg und die Aktion des Segnens
verträgt sich nicht wohl mit der liegenden
Stellung. Ohne Gesuchtheit und Künstelei
und ohne dem religiösen Gehalt den ge-
ringsten Abbruch zu thnn, ist es hier dem
Maler gelungen, eine Komposition, die
schon so oft und von so großen Meistern
in Angriff genommen worden, doch wieder
selbständig und originell zu gestalten, und
gerade über dieses Bild hat er einen be-
sonderen Zauber der Farbe gelegt.

Im Chor befindet sich Ein großes Pla-
sondgemälde: die Himmelfahrt Jesu. Zwei
Engel geleiten ihn; ans seinem Antlitz
spielt ein leichter Zug der Wehmnth, der
etwas auffällt. Die untere Gruppe der
zwölf Apostel mit Maria ist mit Recht
nicht in die Kreisform gebannt, aber wohl
geordnet; die Aktionen sind sehr mannig-
faltig, dürften aber zum Theil entschiedener,
weniger gezirt sein.

Der Meister dieser Bilder, den wir nicht
zu empfehlen brauchen, den seine Leistungen
empfehlen, ist Joh. Bapt. Locher, geb.
1858 in Eberhardszell. Der Weg zur Kunst
war ihm nicht leicht gemacht. Er führte
ihn aus der Zeichenschnle in Biberach zu-
nächst in die Lehre eines Faßmalers, da
die Mittel höherer Ausbildung versiegt
waren, dann in die tüchtige Schule des
Professors Schwarz in Rottenbnrg, von
hier an die Akademie in München. Wieder
wurde ans demselben Grund eine Unter-
brechung der Studien nothwendig, bis
durch Malen von Stationen und andere
kleine Aufträge neue Mittel gewonnen
worden waren. An die Akademie zurück-
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