Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 4
DOI Heft: 10.11588/diglit.15909.2
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15909.3
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15909.4
DOI Seite: 10.11588/diglit.15909#0008
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1892/0008
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
4

ideal, dem von Overbeck und seiner Schule
verwandt, frei von den ungesunden Ten-
denzen der modernen Knnst, die Farben-
gebung von ruhiger und doch kräftiger
Wirkung, durchaus harmonisch, Zeichnung
und Ausführung fehlerlos, pünktlich und
delikat. Die (mit Ausnahme von vier klei-
nen Evangelistenbildern im Chor) rein
ornamentale Bemalung der Wände des
Schiffes und Chors und der Zwickelfelder
zwischen den Plafondgemälden ist im Gan-
zen befriedigend. Man würde einige kräf-
tigere Töne wünschen, besonders an den
unteren Wandflächen; auch ist ein Orna-
mentmotiv im Plafond nicht zu billigen
ans Gründen der Decenz, und sollte das-
selbe, wenn immer möglich, noch etwas
geändert werden. Zum Schluß muß be-
zeugt werben, daß Herr Locher seinen Auf-
trag mit Meisterschaft ansgeführt hat, und
daß auch der ansbedungene Gesammtpreis
von 7600 Mark in Anbetracht der Größe
der Räume, des Umfangs und Figuren-
reichthums der Kompositionen ein mäßiger
zu nennen ist."

^Einbltcf in die mittelalterliche Ge-
mäldesammlung des ch Domdekans
v. Wirscher in ^reiburg.

Von Pfarrer vr. Probst in Essendorf.

Die „S am mlnng Hirscher" hat
bei Kennern und Freunden mittelalter-
licher Knnst einen guten Klang; aber
eigenhändige Aufzeichnungen des ehe-
maligen Besitzers über den Inhalt der-
selben und über die Herkunft der einzelnen
Gemälde und Skulpturen fehlen, oder
sind wenigstens nicht bekannt gemacht
worden. Nach seinem Tode (1865) ging
dieselbe an verschiedeneMnseen über(Berlin,
Karlsruhe, Stuttgart). Nur soviel ist be-
kannt, daß der größte Theil derselben in
Oberschwaben gesammelt wurde. Hirscher
war wohl der erste Sammler H, der in

0 Ziemlich gleichzeitig mit ihm sammelte
Frhr. v. Laß der g in Meersburg, dessen Samm-
lung 1857 der Galerie zu Donaueschingen ein-
verleibt umrtie; auch Abel in Stuttgart dehnte
seine Sammelthätigkeit theilweise auf Ober-
schwaben aus. Erst später entstand die Samm-
lung Häßler in Ulm, jetzt in der Alterihums-
sammlung in Stuttgart. Eine ansehnliche An-
zahl Gemälde aus dieser Gegend fand auch in
der fürstlich Sigmaringen s chen Sammlung

dieser Provinz den mittelalterlichen Kunst-
werken nachhaltig seine Aufmerksamkeit
zuwandte; bemerkt ja schon Kirchenrath
Dur sch (Verössentl. des Ulmer Vereins
1849 S. 26), daß er seit den zwölf
Jahren seiner Sammelthätigkeit wenig Ge-
legenheit gehabt habe, Gemälde zu
sammeln, weil dieselben schon zuvor von
anderen erworben worden seien und daß
er sich deßhalb mehr auf die Sammlung
der Skulpturen angewiesen gesehen habe.
Selbstverständlich war deßhalb die Thä-
tigkeit des Herrn v. Hirscher am meisten
mit Erfolg gekrönt, und seine Sammlung
wäre, wenn sie noch beisammen wäre,
weitaus die wichtigste für die Kunst-
geschichte von Oberschwaben.

Wir sind jedoch weit entfernt, das
Schicksal der Zerstreuung dieser Samm-
lung als ein ungünstiges zu beklagen;
wir dürfen nicht verkennen, daß es viel-
leicht nothwendig war, die Bestandtheile
dieser Sammlung an verschiedenen
Orten den scharfen, vergleichenden und
spürenden Blicken der Knnstforscher darzu-
bieten. Hiedurch erst gewannen dieselben
eine Beleuchtung, welche ihnen in pro-
vinzieller Abgeschiedenheit wohl nie hätte
zu Theil werden können. Die Resultate
dieser vielseitigen Bemühungen sind auch
unleugbar jetzt schon recht erfreulich. Zu-
erst wurde von Professor Wolkmann die
Hand eines Meisters herauserkannt, den
er provisorisch als „den Meister der
Sammlung Hirscher" bezeichnte. Nach-
her gelang es Bode in Berlin, den ganzen
und wirklichen Namen desselben zu ent-
decken (ck. Janitschek: Gesch. der deutschen
MalereiS. 442 und Woltmann-Wörmann:
Gesch. der Malerei Band II S. 454).
Dieser Meister ist: Bernhard Striegel
von Memmingen 1460—1528. Ein an-
derer Meister, zu dem die Sammlung
Hirscher ebenfalls namhafte Beiträge ge-
liefert hat, wird gegenwärtig noch mit
Eifer gesucht. Längere Zeit glaubte man
diese interessanten Gemälde dem Bartel
Beham in Nürnberg zuschreiben zu dürfen;
in neuester Zeit ist man aber davon wie-
der ganz abgekommen und wurde dem noch

ihre Unterkunft. Bildhauer Entreß in Mün-
chen brachte ein großes Material in Handel, aber,
soviel bekannt, vorherrschend Skulpturen.
loading ...