Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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weisen lassen. Eine Gans aber, die jeder
von beiden in der Kapnze trägt, macht
die Pilger etwas verdächtig. Wer er-
innert sich nicht ans seinen Schuljahren
an die Scene ans Reineke Fuchs, wie der
Held ins Kloster geht, um dem Zorn
Königs Nobel zu entrinnen. Eine Zeit
lang that der Scheinheilige als ob er faste
und sich kasteie, aber im Rücken der
Mönche weiß er sich schadlos zu halten
und läßt es sich wohl sein. Eines Tags
hat er bemerkt, wie ein Nachbar vier-
fette Kapaunen dem Abt zum Geschenk
gebracht hat. Er wartet nur, bis es
Nacht geworden, dann stiehlt er sich in
die Küche, läßt sich einen Kapaun
schmecken, lädt die drei übrigen ans den
Rücken und sucht mit ihnen das Weite,
nachdem er die klösterliche Hülle abge-
worfen. Dieser Akt ist in einem Bild-
werk am Chorstnhl in Nantwich in
Cheshire verewigt.

Noch erfindungsreicher aber als selbst
ans dem Gebiet der Thiermaske erwies sich
die künstlerische Einbildungskraft ans dem
des D äm onisch eit. Hörner, Pferdehnfe
(oder sonstige Thiersüße) und Schweis,
diese drei volksthümlichsten Abzeichen des
Fürsten der Finsterniß, wurzeln in alt-
heidnischen Vorstellungen. Entlehnt er
seine Ausstattung vornehmlich dem Bock,
so sind hiebei christlich-symbolische Ideen
maßgebend; dies ist der Fall ans den
meisten Höllendarstellnngen am Tympanon
oder in der Vorhalle romanischer und
gothischer Kirchen. Völlig als Bock
aufgefaßt, verräth derselbe seine Ver-
wandtschaft mit dem klassischen Satyr.
In einer Handschrift des Trinity College in
Cambridge ist er so abgebildet: als natür-
licher Bock mit einigen menschlichen Ge-
sichtszügen (die übrigens noch unmensch-
lich genug aussehen), einen Schürhaken
in den Pfoten und auf einem Geldfasse
reitend. Es ist dies die Scene ans dem
Leben Eduards des Bekenners: Vit im
deable saer desus le tresor noir et
hidus — für manches Börsengeschäft ein
passender Schild! — In einer andern
nicht weniger bezeichnenden Form ist die
angelsächsische Vorstellung vom Dämon
verkörpert in einer Handschrift, die im
Britischen Museum sich befindet und dem
Anfang des 11. Jahrhunderts angehört.

Der Teufel erscheint hier als ein Mann
mit Flügeln, Krallen statt der Finger und
um die Lenden einen Flammengürtel. Was
ihn in dieser Zeichnung besonders ge-
spenstisch erscheinen läßt, sind die Augen,
mit denen seine Flügel verbrämt sind.
(Fortsetzung folgt.)

Beziehungen des Martin öchongauer
zu Ulm.

Von Amtsrichter a. D. P. Beck.

In einem Artikel über die „Beziehungen
des Martin Schangauer zu Ulm und Ober-
schwaben" in Nr. 8 ds. Bl. von 1891 S. 72
bis 74 werden positive urkundliche Belege dafür
vermißt. Ein solcher findet sich u. a. in der von
dem Prälaten Michael Hl. Knen verfaßten Mono-
graphie des Wengenstiftes in Ulm: »Wenga s.
informatio liistorica de exempti collegii sancti
Archangeli Michaelis ad insulas Wengenses
Cann. Regg. etc.« (Ulmae, 1766, fol.), dem 6.
Theile des großen Klosterwerkes: »Collectio scrip-
torum historico — monastico — ecclesiasti-
corum variorum religiosorum ordinum.« Der
Wortlaut der betreffenden Stelle (pag. 151 med.)
ist folgender: » . Serenissimus Bavariae

Dux et S. R. J. Elector Guilielmus anno 1613
delatus erat Ulmam, ac pro avito pietatis suae
ac religionis affectu in Ecclesiam nostram
veniens adorato numine Eucharistico conspec-
tam Summi Altaris tabulam cum satis
dominari non potuit. Monachium reversus
tanto in absentem picturam exarsit desiderio,
ut datis hoc ipso anno ad Georgium (Boner
Waldseensem) praepositum litteris illam sibi
pro justo pretio Monachium mittendam expos-
ceret. Consensit equidem invota clementissimi
principis; verum monuit simul, totam illam
1 i g n o minime autem telae lineae
artificis pernicillo impressam esse, magnum-
que fractionis subesse periculum, si tantae
latitudinis tabula Ulma tanto viarum spatio-
ad electoralem urbem esset transferenda. Hisce
auditis per novasli teras Serenissimus Elector
a petitione sua destitit. Pictura haec re •
fert Christum e Cruce depositum
amare illum deflentibus beatissima
Virgine aliisque sanctis mulieribus,
divo Joanne evangelista et Nico-
demo in pares lacrymas, masculo
tarnen affectu ex genio artificis pro-
rumpentibus. Pinxit hanc tabulam
Martin us Schoen de Kalenbach (vulgo
der sehen Martin appellatus) C o 1 -
mariensis excellentissimus suo aevo
pictor.1) Extat haec tabula ad hodiernum
usque diem in Collegio nostro, ac Omni-
bus, qui in arte pictoria ultra calceum sutoris
sapiunt, admirationi est.« Dieser Notiz, welche
Verfasser dieses schon einmal in einem Aufsätze:
„Weisscnanisches—Ulmisches und Anderes" (im
„Schwab. Diözesanarchiv", 111. Jahrgang, 1886,

x) Im Originaltexte sind die hier unter-
strichenen Stellen nicht hervorgehoben.
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