Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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Michelangelo und charakterisirt scharf die
Gestalten des Giuliano (selbstvergessen, weltver-
gessend, denkend) und Lorenzo (Welt- und selbst-
bewußt, handelnd und schaffend) und die vier
bekannten Figuren: Morgen, Mittag, Abend,
Nacht. Sehr interessant >var mir der Aufsatz
über Livnardo's Abendmahl, weil ich hier
erstmals eine genügende Erklärung fand für eine
Eigenthümlichkeit des Abendmahlssaales, dessen
Seitenwände vorn weiter von einander abstehen
als hinten (natürlich abgesehen von der perspek-
tivischen Verengung). Hier ist nachgewiesen, daß
der Meister seiner Scheinarchitektur diese zunächst
auffallende schiefwinklige Anlage gab, um eine
zusammenfassende gleichzeitige Aufnahme der sich
in die Breite ziehenden Tafelgruppe ins Auge
zu ermöglichen. Die folgende Abhandlung zeigt,
daß der florentinische Palastbau in seiner
Entwicklung auf den Burgbau zurückgeht. Dar-
nach wird die Kirchenfassade der Certosa
bei Pavia besprochen, nüt Hilfe einer Linien-
zeichnnng wird gezeigt, wie in dieser Fassade
die Horizontale und die Vertikale in schönster
Weise gegen einander betont und ins Gleich-
gewicht gesetzt sind; der Verfasser ist der Ansicht,
daß der Mangel eines Aufsatzes mit Giebel-
krönung, der auf einer alten Abbildung sich über
dem Mitteltheil erhebt, in Wahrheit kein Mangel,
sondern ein Vorzug ist. Gegen diese gut kon-
struirte Fassade wird die des Mailänder
Doms mit ihren schreienden Kompositionsfehlern
gestellt; hier ist die Vertikale zu stark betont,
ohne doch wirklich in die Höhe zu führen; der
Giebel ist so breit angelegt und greift so tief
herab, daß er die ganze Fassade zusammendrückt
und zudem noch die Hauptglieder, die Pfeiler,
schräg durchschneidet und verstümmelt. In dem
kurzen Aufsatz über Giottv's Fresken in
der Madonna bell7 Arena zu Padua
wird nanientlich hervorgehoben, wie diese Früh-
lingskunst sich noch nicht in Einzelnheiten und
Nebensachen verliere, sondern den Blick für das
Ganze, für die Hauptsache habe. In der Wän-
de r n n g v o n M a i l a n d n a ch V e n e d i g weiß
der Verfasser charakteristische Verschiedenheiten
der Schulen von Mailand, Padua, Ferrara,
Brescia, Verona, Venedig besonders bezüglich
der Farbengebung, geistvoll aus der Verschiedenheit
der Landschaften abzuleiten; besonders feinsinnig
wird die venezianische Malerei beurtheilt. Tizian
ist der letzte Artikel gewidmet; mit Recht wird
aber von ihm und andern Venezianern gesagt,
daß er die Farbe, das Kunstmittel, zum
Kunst zw eck erhoben; die Bemerkungen über
dessen Assunta sind treffend. — Aus dem kleinen
Büchlein läßt sich mit Genuß eine Fülle von
Belehrung schöpfen.

D a r st e l l u u g e u aus dem Leben
I e s u u u d d e r H e i l i g e lt. In Holz-
schnitt ausgeführt nach Origiualzeich-
nnngen von Professor Ludwig Seist
in Rom. . Freiburg, Herder, 1891.
42 Blätter Folio. Karton, 3 M., geb.
in Leinwand 5 M.

Eine schöne und werthvolle Gabe mn kleinen
Preis, von der man nur wünschen kann, daß sie

in den weitesten Kreisen Verbreitung finde, —
ein werthvoller praktischer Beitrag zu der von
uns früher eingehend besprochenen Frage über
Wesen, Wichtigkeit, richtige Wahl der religiösen
Bilder für das Volk. Als Seitz, jetzt bekanntlich
päpstlicher Hofmaler im Vatikan, Heiligenbilder
für das Volk schaffen wollte, entschied er sich für
die Technik des Holzschnitts und gieng er in
Dürers Schule. Beides mit vollem Recht und
schönstem Erfolg. Um mit letzterem zu beginnen,
so verleugnet keines dieser Bilder aus dem Leben
Jesu, Mariä und der Heiligen Dürers Einfluß;
aber dieser Einfluß waltet nicht ans den Trüm-
mern einer zerstörten oder unterdrückten Künstler-
individualität und führt nicht zum geistlosen Nach-
zeichnen , sondern inspirirt nur eine congeniale
Natur und flößt ihr einen ächt mittelalterlichen
Sinn ein mit jener Naivetät und Poesie, welche
unserer modernen Kunst so ganz verloren gieng.
Wem in manchen Darstellungen die Dürernatur
zu herb und eckig durchbricht — namentlich im
Bild des Johannes in der Wüste, des Pilatus,
des verspotteteu Heilands; in andern erscheint sie
wieder viel besänftigter und geschmeidigter, — der
wird doch bekennen, daß auch dieser naturkräftigen
Schilderung eine große Volksthümlichkeit inne-
wohnt und sie Zartheit einzelner Züge und seeli-
schen Ausdrucks nicht ansschließt. Der Volks-
thümlichkeit dient auch die Wahl der Technik.
Der Holzschnitt ist eine demokratische Kunst im
besten Sinn, seine kraftvolle schlichte Sprache
ist dem Volk verständlich; es liegt in ihm etwao
von der Kraft und dem Duft des Waldes, aus
welchen! sein Material stammt. Aber der Zeich-
ner muß dies Material verstehen und genau
wissen, was er dem Formschneider zumnthen
kann, wie das hier der Fall ist. Diese Bilder
sind ins Holz hineingedacht, ehe sie aus ihm
herausgeschnitten wurden. Und so haben wir
ein wahres religiöses Volksbilderbnch erhalten,
von der Verlagshandlung auch dem Papier und
Gewand nach aufs Beste ausgestattet. Geschnitten
sind die meisten Bilder von A. Gaber, eines von
Knöfler, eines von Ehrlich, eines von Clos; und
Ruff in Stuttgart; bei mancheu ist der Sknlptor
nicht genannt. Etwas störend ist nur, daß St.
Elisabeth bei der Heimsuchung in Folge zu kräf-
tigen Dreinfahrens des Grabstichels einen starken
Backenbart erhielt, sowie daß bei dem Krippen-,
bild die zlvei Hosen eines Hirten sich gar zu
stark geltend machen; sie scheinen selbst die Auf-
merksamkeit des Kindes zu erregen.

Annoncen.

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i Herrn auf den frühchristlichen I
I Denkmälern. Mit 2 Tafeln und \

E 21 Textbildern, gr. 8°. (IV u. 51 S.) E
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