Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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Archiv für christliche Kunst.

Organ des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kunst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Aeppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözefan-Kunstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Nr. Reppler.

Or. 2.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für Ji 2.05 durch die württembergischen (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), JL 2.20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von J& 2.05 halbjährlich.

phantastische, scherz- und boshafte
Gebilde mittelalterlicher Kunst.

Von Stadtpfarrer Eug. K e p p l e r iu Freudenstadt.

(Fortsetzung.)

Eigene Misch- und Mißbildungen er-
zeugte in der hieratischen Kunst die Zu-
sammenstellung von Gliedern und Thier-
theilen nach deren sinnbildlichen Bedeu-
tung. Eine solche haben augenscheinlich
die drei Teufelsgestalten in einer Scene,
welche die Zauberer vor Pharao zum
Gegenstände hat. (Vergl. Corblet, Revue
1865, S. 549.) Die eine trägt einen
Wolfskopf als Seelenmörder, die andere
einen Bockkopf znm Zeichen der unreinen
Lust, die dritte ein Menscheuhaupt als
Sinnbild der auch im gefallenen Zustand
fortdauernden Geistesgaben. Von Laien,
die dergleichen Sinnbilder- nicht verstanden,
wurden sie später immer wunderlicher aus-
gestaltet. Schon ein altes Wandgemälde
iu der Kathedrale zu Winchester (Maria
rettet da einen von bösen Geistern ins
Wasser gestürzten Mönch) zeigt zwei
Teufelsfratzen in der Luft, welche an aus-
schweifenden Formen mit den Bildungen
wetteifern, wie sie bei gewissen Darstel-
lungen, z. B. der Versuchung des hl. An-
tonius die Maler der Renaissance beliebten.
Dasselbe ist von den phantastischen Teufels-
bildern zu sagen, die mit dem Erscheinen
der Buchdruckerkunst sich iu allen mög-
lichen Formen in Volksbüchern, besonders
iu volksthümlicheu Andachtsbüchern breit
machten.

Aber auch die verschiedenen Rol-
len, die unsere Vorfahren den Dämonen
zuwiesen, standen an Abenteuerlichkeit
hinter ihrer äußeren Erscheinung nicht
zurück. In der oben erwähnten Cam-
bridger Handschrift stehen am Rand des
Höllenschlundes, den die Maler immer

als den Rachen eines Ungeheuers formten,
drei Teufel, die mit wilden Geberdeu das
Schwert schwingen und theils flammende
Pechpfannen, theils andere Geschosse be-
reit halten, um die Verdammten zu em-
pfangen. Einer derselben ist nicht nur
au der Schulter, sondern selbst am Knie
und an der Ferse beflügelt. Ans einem
Gemälde von Wilhelm von Köln, einem
Meister des 15. Jahrhunderts — es be-
findet sich nach Wright im Trierer Dom
— ist der Eingang ins Reich der Finster-
niß samt dem Wachposten davor noch
grotesker gestaltet. Da sitzt z. B. der
Thorwart rittlings auf der Schnauze, iu
in welche der Höllenrachen sich zuspitzt,
und stößt in ein mächtiges Horn. Auf
diesem Horn selbst reitet ein anderer ge-
schwänzter Spielmann eir miniature mit
Sporen an den nackten Füßen und bläst
den Dndelsack. Dem vorgenannten Horn
entquillt anstatt der Töne eine Wolke von
Teufelchen. — Eine leidende Rolle spielt
der Höllenfürst in einem Bild des Cäd-
mongedichts, dessen Handschrift in Oxford
aufbewahrt wird. Man sieht ihn da, den
Rücken nach oben über einen Rost aus-
gespannt, schreiend vor Schmerz, während
ein aus einem Feuerofen anstauchender
Dämon mit hämischem Lachen ein Marter-
werkzeug über ihn schwingt und eine
Schaar kleiner Teufel erregt, die das
Opfer umflattern. Als Verführer ist der
Böse iu den Schriften mystischen Inhalts
vor dem 15. Jahrhundert häufig iu der
Weise dargestellt, daß er als schwarzer
bocksbartiger Teufel dasitzt und zwei junge
Leute die sich umarmen, in einer Schlinge
fängt. (Corblet, Revue 1865 S. 549.)
Bei manchen Auftritten spielt der böse
Feind auch eine Nebenrolle, oft eine sehr
einschneidende. Man betrachte eine Kopie
des ersten Sündenfalls nach dem „Psalter
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