Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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der Königin Marie" (Wright S. 68):
eine auf den ersten Blick spassige und
doch nach dem Sinn des Künstlers sehr
ernste Darstellung. Unter dem Zureden
der seltsam gestalteten Schlange — sie
zeigt den Kopf einer schönen Frau und
den Leib eines Drachen — pflückt Eva
die Frucht und reicht sie Adam, der eben
mit sichtlichem Zagen hineinbeißen will.
Drei Dämone, echte Kobolde vom Scheitel
bis zur Zehe, üben, obwohl nur Neben-
figuren, auf die Hauptpersonen einen ent-
scheidenden Einfluß. Einer legt die Hand
auf Evas Schulter mit beifällig ermnn-
teruder Miene; der zweite drängt den
Adam und scheint über dessen Aengstlich-
keit zu lachen, während ihm der dritte in
äußerst grotesker Stellung ein Zurück-
weichen unmöglich macht. Er macht näm-
lich ein umgekehrtes Kompliment, und
versperrt ihm mit seiner wenigst höflichen
Seite den Weg, indem er zugleich rück-
wärts schielt, was jener thue.

Für das volle Verständniß der mittel-
alterlichen Teuselsvorstellungen uitb -Dar-
stellungen ist es nothwendig, die altdeutschen
Volkssagen von Feen, Elfen, Kobolden bei-
zuziehen, die sich mit den elfteren vielfach
in eins gebildet haben: von jenen Geister-
wesen, die gleich den Faunen und Satyrn
in der antiken Götterlehre Wald, Feld und
Wasser belebten, dabei aber, weit vielseitiger
als diese, sich in die Angelegenheiten und
sogar in die Häuser der Sterblichen ein-
drängten und an ihnen ihren Muthwillen,
oft auch ihren Zorn ausließen. Wie einst
der Apostel die Götzen schlechthin als
Teufel bezeichnet, so gewöhnten die Glau-
bensboten ihre Bekehrten daran, die Aus-
geburten nordischer Phantasie als Höllen-
geister zu betrachten, die auf das Verderben
der Menschen ausgehen. Darum nehmen
in mittelalterlichen Erzählungen die Teufel
gern possirliche Gestalten oder lächerliche
Stellungen an und betragen sich auf eine
ihrem wirklichen Charakter wenig entspre-
chende Art, indem sie z. B. essen und
trinken, ja sich überlisten und von den
Erdgeborenen grob mißbrauchen lassen.

Ans dieser Verwandtschaft der Teufel
mit den Kobolden erklärt sich noch ein
weiterer Umstand: ihr lustiges Wesen. —
Daß ein Tenfel, mochte er sonst geartet
sein wie er wollte, schwarz und häßlich

sein mußte, ergibt sich aus der Schwärze
und Häßlichkeit der Sünde, die ans diese
Weise angedeutet werden wollte. Doch
mögen dabei auch heidnische Volksvorstel-
lungen hereingespielt haben. Daß die Häß-
lichkeit der Teufelsgestalten nicht anders
als grotesk ausfallen konnte, mehr geeig-
net, heiter als furchtsam zu stimmen, liegt
nach allem, was wir über diese Frage ge-
hört, auf der Hand. Aber woher kommt
es, daß die Teufel selbst heiter sind, wie
wir an mehreren Beispielen schon gesehen?
Was bedeutet die unverwüstliche Laune,
mit der sie z. B. im „Psalter der Königin
Marie" ihre Opfer in den Höllenrachen
befördern? Das bedeutet, daß sie verkappte
Kobolde sind: diese zeichneten sich bekannt-
lich bei all ihrer Bosheit durch Frohnatur
aus. Daher sind auch die Teufel (sowie die
Henker) komische Personen in den mittel-
alterlichen Volksstücken, und die Scenen, in
denen sie auftreten, sind Lachscenen. In
dem altenglischen Stück »Judicium« oder
„Das Weltgericht" reden die Dämonen
ganz so, wie man es nach den Gesichtern,
welche die Kunst ihnen zu geben pflegte,
erwarten muß. Während einer von ihnen
mit einem Sack, gefüllt mit Sünden aller
Art, ans die Bühne tritt, schlägt der an-
dere ein zwerchfellerschütterndes Lachen aus
(I laghe that I kynke) und lädt jenen,
nachdem er sich erkundigt, ob auch das
Laster des Zorns im Sacke sei, zu einem
Schoppen ein. Im Lauf des Gesprächs
schildert ein Teufel die Ereignisse, die dem
Gerichtstag vorangegaugen. Es drängte
sich, sagt er, indem er vergnügt sich die
Hände reibt, in der letzten Zeit eine solche
Unmasse von Seelen aus dem Weg zur
Hölle, daß unser Höllenportier vom Morgen
bis zum Abend ununterbrochen zu thun
hatte.

Saules cam so thyk now late unto helle
As ever

Oure porter at helle gate

Is halden so strate,

Up erly and downe late

He rystys never.

(Wright S. 68.)

Bei solchen Vorstellungen, die allgemein
im Volk herrschten, ist es nicht zu verwun-
dern, wenn Maler und Steinmetzen ihre
Vorliebe für Possen und Grimassen be-
sonders bei ihren Tenfelsbildnissen be-
thätigten; wenn sie die grotesken Köpfe
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