Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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und Leiber, die einmal das wesentliche
Attribut des Dämonischen waren, als
wirkungsvolle Motive ins Bauornament
und in die Buchmalerei aufnahmen und
die schwarzen Unholde so inscenirten, wie
wir gesehen. Aber einmal ist es der
mittelalterlichen Kunst doch gelungen, einen
Satantypus zu schaffen, welcher durch die
verblüffende Abscheulichkeit der Sünde, die
uns daraus anstiert, wahres Grausen und
nichts als Grausen erregt. Ich rede von
der mephistophelischen Gestalt, die an dem
äußern Umgang von Notre-Dame zu Paris
sich über die Brustwehr lehnt und — den
Orangutangkops auf den Arm gestützt —
sich das Treiben in den Straßen und in
den „Behausungen der Sünder" schmun
zelnd ansieht. Die abstoßendsten Eigen-
schaften: Bosheit, Hochmuth, Neid und
alle Laster haben diesem Gesicht den Stem-
pel ausgedrückt. — Ein psychologisch ver-
tieftes Teufelsbild findet sich übrigens auch
in einem Stich der mit dem Auftanchen
der Bnchdrnckerknnst erschienenen .Ars
moriendi. Der Gegenstand ist das Bett
eines Sterbenden, welchen außer seinen
Verwandten, von diesen ungesehen, drei
Teufel umgeben. Diese leisten in seltsam
häßlichen Formen das Mögliche, einer
aber verbindet damit einen Ausdruck bauern-
mäßiger Verschmitztheit und Profitlichkeit,
der (zumal bei der Schlichtheit der Linien)
höchst bemerkenswerth ist. Die Ueber-
schrift des betreffenden Abschnitts lautet:
Oe tentntionidus morientium. Wie die
Unholde, die sich über den Sterbenden!
neigen, ihn versuchen, ist aus zwei Spruch- !
bändern zu ersehen, auf denen zu lesen:
krovide38 nrnieis! und Intende tdegnuro!
Den Sterbenden scheinen diese Einflüste-
rungen sehr zu beunruhigen.

Betreten wir nun das Gebiet des bür-
gerlichen Lebens, um zu sehen, welche
Gegenstände dieses der künstlerischen Komik
geliefert, so stoßen wir auch hier noch
zunächst auf Teufelsspuk. Die bilden-
den Künste wählen nur selten einen
Vorwurf aus dem Heyenwesen. Desto
merkwürdiger sind die drei Beispiele bei
Wright S. 111 f. u. S. 119. Das eine
ist dem Chorgestühl der Kathedrale von
Winchester entlehnt und stellt eine Hexe
dar, die ans ihrer Katze ans den Blocks-
berg reitet. Die Katze ist ein mächtiges

Thier, dessen Gesicht an jovialem Aus-
druck nur durch das der Herrin übertroffen
wird. Diese hat die Kunkel bei sich und
spinnt emsig darauf los. (Hiegegen nimmt
sich wie ein Stück Stillleben ans das
Bild einer andern Spinnerin, einer ehr-
samen Alten, die in ihrem Großmntter-
stnhl sitzt, während eine Katze ihr über die
Schulter schaut, eine sich zu ihren Füßen
hält. Es befindet sich ans einer Sitz-
konsole in einer Kirche der Insel Thanet
in Kent.) Die zweite der erwähnten
Kunstleistungen ist ein Basrelief in Stein
am Eingang der Lyoner Kathedrale. Eine
nackte Alte reitet ans einem Bock, der ein
Mannsgesicht zeigt. Sie handhabt eine
riesige Katze als Schlender und schwingt
sie so, daß die Katzenkrallen dem Bock die
Stirn zerkratzen. Bekanntlich standen die
Hexen im Gernch, Menschen beliebig ver-
wandeln zu können. Der Chronist Wil-
helm von Malmesbnry erzählt eine solche
Geschichte von zwei Hexen, welche sie
Wanderer in ihre Hütte lockten, um sie
in Pferde, Schweine und andere Thiere
zu verhexen und so zu verkaufen. Obiger
Skulptur muß irgend so etwas zu Grund
liegen. Die dritte Hexenscene (in der
Kirche von Corbeil bei Paris) zeigt ein
Weibsbild, das offenbar dem Nachtgebiet
der Natur angehört und dem Teufel, den
sie an seinem Eselsohr festhält, den Kopf
mit einer Zimmermannssäge absägt. Der-
selbe schneidet dabei ein süßsaures Gesicht.

Nebrigens stand, wie es scheint, die
Handsestigkeit, womit diese Hexe ihren Un-
hold zähmt, auch den Ehefrauen gegenüber
ihren Gatten zu Gebot. Ein Kampf auf
Leben und Tod ist ans einem Chorstuhl
in Stratsord am Avon geschildert. Er
scheint während der Zubereitung des Essens
entbrannt zu sein; denn die Frau, die
ihren Mann am Bart gepackt, schwingt
zugleich den Kochlöffel gegen sein un-
glückliches Haupt als die erste Waffe,
die sie erreichen konnte. Ans einem Kapi-
tell der Kathedrale zu Ely suchen sich
Mann und Frau gegenseitig einen Stab
(offenbar das Symbol der Oberherrschaft)
zu entreißen. Und zwar ist die Frau an
Mnth und Kraft dem Mann überlegen,
der den Kürzern zieht. Die Oberherr-
schaft des weiblichen Theils muß damals
fast unbestritten gewesen sein. Ein Chor-
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