Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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stuhl zu Sherborne gibt gewissermaßen
die Fortsetzung des vorhin beschriebenen
Streites. Die Hausfrau hat sich schon
des Stockes bemächtigt, hat den Gemahl
übermannt und gibt ihm eine ordentliche
Tracht. — Die Verschiebung des häus-
lichen Gleichgewichts meint man, wenn
man sagt: „Die Frau hat die Hosen an."
Aber recht verständlich wird dieser Aus-
druck erst, wenn wir ans alten Büchern
erfahren, wie in der That die Frau sich
einmal in den Kopf gesetzt, dieses Klei-
dungsstück zu erobern, welche Fehden
dieses ihr Verlangen hervorrief und wie
sie trotz einiger Schlappen in der Haupt-
sache ihre Absicht durchsetzte. Man denke
nicht, daß unsere Zier- und Zerrbildner
einen so dankbaren Stofs verschmäht hätten.
Unter den schalkhaften Darstellungen ans
dem Chorgestühl zu Ronen findet sich der
besprochene Zweikampf und zwar hält hier
der Mann ein Messer in der einen Hand
und scheint eher den Gegenstand des

Streits zerstückeln als loslassen zu wollen.
Nach der Erzählung hätte der Mann ge-
siegt , aber öfter wird der Fra» das
Schlachtfeld zugefprochen. Ein sehr sel-
tener Stich von Van Mecken aus dein
Jahr 1480 zeigt eine Dame, die soeben
das fragliche Kleidungsstück angelegt hat
und nun den Mann mit drohend ge-
schwungenem Spinnrocken zwingt, für sie
weiblicke Handarbeit zu verrichten.

Gewöhnlich drehen sich die Scenen ans
dem häuslichen Leben um eheliche Zwistig-
keiten und nur selten sehen wir Mann oder
Frau am Feuer behaglich sitzen; selten finden
wir unter diesen Genrebildern (was übrigens
bei der satyrischen Veranlagung der Dar-
steller nicht ausfallen kann) eine friedliche
Idylle. Eine solche und zwar eine hübsch
ländliche haben wir an einem Mann am
Chorgestühl der Kathedrale in Worcester,
derU in einer mit Speckseiten bekränzten
Küche am Feuer sitzt. Er überwacht den
siedenden Topf und entblößt zugleich die
Füße, um sie zu wärmen. Noch ein Fall
hat zum Schauplatz die Küche, ist aber
weniger friedlich: ein Mannsbild will sich
Frechheiten mit der Köchin erlauben, die
ihm dafür einen Teller an den Kopf wirft.
Die betreffende Skulptur befindet sich in
der Kathedrale von Hereford. — Daß
auch anstößige Scenen aus dem Alltags-

leben dargestellt werden, besonders in beii
Handschriftenmalereien, ist wahr, aber das
Holz- und Steinschnitzwerk der Kirchen
faßt das bürgerliche Leben durchgängig von
seiner komischen Seite an und nicht
von seiner ärgerlichen. Welch köstliches
Zeitbild ist die Chorstnhlscene in Sher-
borne, wo ein Lehrer auf der entblößten
Kehrseite eines Schülers „ohne Sekun-
danten pauckt", während den andern der
Schrecken in die Glieder gefahren! Die
Ruthe war in der guten alten Zeit ein
Hauptfaktor der Erziehung; eine Schule
ohne einen plagosus Orbilius war gar
nicht denkbar. Auch sagte man, wenn
man sich seiner Schuljahre erinnerte, nicht:
als ich noch in die Schule ging, sondern:
als ich noch unter der Ruthe stand. Darum
lagen dem mittelalrerlichen Bildner derlei
Scenen so nahe und darum gelangen sie
ihm so gut. Er hatte sie selbst erlebt.

Aber auch sonst war nichts Mensch-
liches ihm fremd; er griff keck hinein ins
volle Menschenleben und schöpfte daraus
insbesondere für seine Chorstühle jene Fülle
von Momentphotographien und Spottbild-
chen, die bald durch ihre schalkhafte Auf-
fassung, bald durch derbe Karikatur, bald
durch lebensvolle Gestaltung und treue
Wiedergabe des wirklichen Lebens, nicht
selten verbunden mit reizender Detail-
malerei uns fesseln. Nächst den Schul-
prügeln scheinen Raufereien aller Art der
beliebteste Gegenstand gewesen zu sein,
darunter namentlich solche zwischen Zechern.
Unter den phantastisch verzerrten Randzeich-
nungen in dem berühmten Manuskript aus
dem 14. Jahrhundert, das unter dem Titel
von „Lnttrells Psalter" bekannt ist, sticht
eine Gruppe hervor von zwei sich balgen-
den Trinkern, deren einer dem andern das
Glas am Kopf zerschellt. Sehr ergiebig
für kulturgeschichtliche Forschung ist eine
Sammlung von Gypsabgüssen im Museum
zu Kensington, welche vorzugsweise fran-
zösische Bildwerke wiedergeben. Darunter
befindet sich eine Balgerei zweier Weiber
am Kochtopf, angeblich ans dem Jahre
1382 herrührend. Eine Dame sucht sich,
mit dem Kochlöffel in der Rechten, im
Besitz eines Stückes Fleisch zu behaupten,
das sie auf einem Teller in der Linken
hält. Ihr Widerpart schwingt als Waffe
den Blasebalg. Noch ein zweites Stück
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