Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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derselben Sammlung zeigt ein streitendes
Paar, aber ein anderes und in anderem
Sinn. Eine Frauensperson hat einem
Mann, dem Pfeil und Bogen als Ab-
zeichen beigegeben sind, — er hatte sich
ihr, wie es scheint, frech genaht — mit
fester Hand in den Mund gegriffen. Sie
hält ihn am Unterkiefer und gibt ihm zu-
gleich mit dem Spinnrocken in der Rechten
nicht ohne Anmnth einen deutlichen Wink.

(Fortsetzung folgt.)

Einblick in die mittelalterliche Ge-
mäldesammlung des ch Domdekans
v. Wirscher in ^reibnrg.

Von Pfarrer Df. Prob st in Essendorf.

(Schloß.)

Ueber die Karlsruher Bilder äußert sich
sodann genauer Professor Robert Bischer
in dem „Allgäuer Geschichtsfrennd" 1889
S. 84, daß dieselben ans Roth bei Ra-
vensburg (sollte ohne Zweifel heißen: Ober-
amt Lentkirch) herrühren. Die Stuttgarter
Gemälde dürften aus I s u t) stammen, ob-
wohl darüber in Stuttgart selbst nichts
Weiteres zu erfragen war. In Jsny be-
fand sich nach Keppler (Kirchliche Alter-
thümer W. S. 390) ein Striegelscher
Altar, dessen Bilder zunächst in die Samm-
lung Hirscher übergegangen waren.

Noch wichtiger ist unseres Erachtens
der „Wildensteiner Meister", der
durch seine Originalität alsbald die Auf-
merksamkeit des Beschauers fesselt. Die
wichtigsten Werke desselben in Donan-
eschingen (ehemals in der Kapelle zu
Wildenstein) tragen die Jahrzahl 1536
und die Bildnisse und Wappen der Stifter,
des Grafen Gottfried von Zimmern und
Mößkirch und seiner Gemahlin Apollonia,
Gräfin von Henneberg. Woltmann gibt
ein Verzeichniß der Werke dieses Meisters
in dem Donaueschinger Katalog S. 22,
vermengt sie jedoch mit den Werken des
B. Beham aus Nürnberg, wovon man,
wie schon oben bemerkt, in neuester Zeit
gänzlich abgegangen ist. Hienach sind
aus dem Besitze Hirschers von diesem
Meister übergegangen:

1) nach Berlin, königliche Gemälde-
galerie 619a und 619 b: die hl. Katha-
rina, der hl. Paulus und die hl. Agnes; die
hhl. Crispinus und Crispinianus; Gold-

grund, oben blaue Felder mit goldenen
Renaissanceverziernngen und mit den Na-
men. Sammlung Hirscher.

2) Karlsruhe, großherzogliche Kunst-
schule. Ohne Nummer (bis 1869 im Vor-
rath) : Christi Geißelung, im Hintergrund
Christus vor Pilatus (dieselben sind in
der Kunsthalle jetzt als Nr. 98 bezeichnet
nach Janitscheck); reiche Renaissancearchi-
tektnr. Nr. 246, 243. Ehemalige Innen-
seite der zugehörigen Flügel: St. Vitus;
der Erzengel Michael eine Seele wägend,
Goldgrund. Nr. 241 die hl. Lucia, ehe-
malige Außenseite. Sämmtlich aus
der Sammlung Hirscher; flüchtig
behandelt.

3) Stuttgart, Gemäldegallerie: der
hl. Bruno (oder Benedikt?) in der Ein-
öde; Landschaft vortrefflich; an Schönheit
den Bildern in Donaneschingen verwandt.
S a m m l u n g H i r s ch e r. (Im Stutt-
garter Katalog trägt dieses Bild jetzt die
Nummer 513.)

Man sieht hieraus, daß die Sammlung
Hirscher auch zu den Werken dieses noch
wenig bekannten, aber geschätzten Meisters
einen wesentlichen Beitrag geliefert hat.
Daß dieser Meister in der Nähe des
Bodensees, und zwar auf der nördlichen
Seite desselben, seine Heimat gehabt habe,
ist nicht zu bezweifeln. Wir haben schon
andern OrtsH ans eine Fährte hingewie-
sen, welche über Wolpertswende nach Ra-
vensburg führt.

Mit der Auszählung der obigen Gemälde
dürfte ein, wenn auch nur unvollständiger
Einblick in die Bedeutung und den Um-
fang der ehemaligen Hirscherschen Samm-
lung ermöglicht werden. Daß noch andere
Werke von andern Meistern in ihr ent-
halten gewesen sein werden, ist nicht bloß
sehr wahrscheinlich, sondern eigentlich selbst-
verständlich, wenn auch ein genauerer Nach-
weis zur Zeit nicht beizubringen ist.

Es sei nur noch hinzugefügt, daß Hir-
scher auch Werke der Skulptur sammelte.
Ueber die „Hirschersche Madonna", jetzt in
Berlin, wurde von uns im „Archiv" schon
Mittheilung gemacht (1889 S. 90). Hier
war offenbar der Alterthnmshändler v.Her-
rich von Ravensburg die Mittelsperson, der

0 Schriften des Bodenseevereins 1891:
Ueber die Bodenseeschnle.
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