Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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gewähren, soll das unbedingt geschehen; es
ist geradezu Aberwitz, wenn neuerdings be-
hauptet wurde, es gehöre zum Wesen eines
katholischen oder eines gothischen Kirchen-
baues, daß nicht alle auf den Altar sehen,
sondern ein Theil der Gläubigen in den
Seitenschiffen untergebracht werde. Das
Mittelschiff steigt zur mächtigen Höhe von
19 m an, die Seitenschiffe begnügen sich mit
7 m Höhe; der Thurm mit sehr hochgezoge-
nem Zeltdach wird 87 m hoch.

Möge der Bai: ohne Stockung und Unfall
zu Ende geführt werden; er wird im kirchen-
reichen Mainz die kirchliche Architektur vom
Ende des 19. Jahrhunderts in Ehren reprä-
sentiren.

Beziehungen des Blartin Schongauer
zu Ulm.

Von Amtrichter a. D. P. Beck.
(Schluß.)

In dem Beisatz: »de Kalenbach« ist
man versucht, den bislang immer noch ver-
geblich gesuchten und nicht festgestellten Ge-
burtsort Martin Schouganers zu erblicken,
wenn sich nur ein Ort „K(C)a(h)lenbach irgend-
wo in deutschen Landen eruiren ließe, allein ein
solcher läßt sich (auch unter den sogenannten „ab-
gegangenen" Orten) nirgends finden, cs müßte
nur der im bayerischen Allgäu gelegene Weiler
Kalchenbach oder Kaltenbach im Höhgan ge-
meint sein oder im Wengenwerke ein Druckfehler
vorliegen; ähnlich lautende Ortsnamen gibt es
eine Reihe, so Callbach in der bayerischen Pfalz,
die Dörfer Kalbach in Rhein- und Chnrhesseu,
die Dörfer Kehlbach in Oberfranken, Rheiuhessen
sowie im Salzburg'schen, Kellenbach in Rhein-
prenßen, die Dörfer Kollbach in Ober- und Nieder-
baicrn u. s. w. Schon Joachim Saudrart läßt
Schongauer in seiner (in den Jahren 1675 bis
1679 zu Nürnberg erschienenen, II, 3. Buch c. 2
Bl. 220) „Deutschen Akademie der Ban-, Bild-
hauer- und Malerknnst" zu C(E)nlenbach ge-
boren sein; einen Ort Enlenbach gibt es nun
nicht, dagegen ein Dorf Eulenbach in Nieder-
österreich in der Gegend von Waidhofen und
Schrems sowie zwei Ortschaften dieses Namens in
Ungarn. Hier gilt es also noch etwas zu ergründen!

Künftighin wird man sonach nicht umhin
können, bei der Aufführung und Zusammenstel-
lung Schonganerscher Gemälde das Wengen-
bild sowie die neuerdings (im Freiburger Diöze-
sanarchiv, XIX. Bd., 1887, „Die religiösen und
kirchlichen Zustände der Reichsstadt Biberach rc."
S. 22 und 24) wieder in Erinnerung gebrachten,
leider verschwundenen Biberacher Tafeln zu
berücksichtigen, wenn auch diese Feststellungen
heutzutage, wo das eine Bild fast vollständig
seiner Ursprünglichkeit entfremdet ist und die
andern verschwunden sind, nur noch einen kunst-
historischen Werth haben. Hiedurch sind in der
That und in unwiderleglicher Weise Beziehungen
Mart. Schouganers zu der Reichsstadt Ulm her-
gestellt; und ist auch bei dem regen Wetteifer,
der damals in den schwäbischen Klöstern in Aus-

schmückung und Verzierung ihrer Gotteshäuser
herrschte, der Schluß nicht ungerechtfertigt, es
werde Schongauer Gemälde nicht bloß nach
Ulm und Biberach, sondern auch noch au andere
Orte Schwabens und Südwestdentschlands, na-
mentlich in die zahlreichen Stifte geliefert haben,
hat ja die bald nach dem Ableben Schouganers
zu Ende des 15. Jahrhunderts in der größten
Bliithe stehende Ulmcr Malerschnle in diesen
Gotteshäusern, so zu Wettenhansen, Denkendorf.
O. S. Aug., Roggenburg, Adelberg, Steingaden,
O. 8. Norb., Ochsenhausen, Blanbeuren, Mnrr-
yardt, Zwiefalten, Urspring, O. S. Bened., Hegg-
bach O. Cisterc., Bnchsheim Karthäuserordens
n. s. w., Spuren ihres künstlerischen Wirkens
hinterlassen, dien ist indeß, daß Schongauer, der
bis jetzt bloß als Kupferstecher und Maler be-
kannt war, sich auch mit Skulpturen befaßt
haben soll, tvas wir, auch wenn damit bloß etlva
das Bemalen von solchen gemeint wäre, sehr
bezweifeln. Ein längerer Aufenthalt M. Schon-
gauers in Ulm (geb. um 1420; gest. in Kalmar am
2. Februar 1488) ist übrigens bis jetzt entgegen
anderiveitigen optimistischen Angaben, so auch
entgegen Grüneisen-Mauch, nach welchen Schon-
gauer um die Mitte des 15. Jahrhunderts in
Ulm gearbeitet hätte (a. a. O. S. 35), bis jetzt
keineswegs nachgewiesen; bloß sein Bruder Lud-
wig Schongauer, gleichfalls Maler, aber als
solcher weit unter ihm stehend, ist in Ulm,
wo er im Jahre 1479 das Bürgerrecht erhielt,
nachdem er eine Tochter des dortigen Malers
Städler und Schivester des Malers Hans Linden-
mayer geehelicht, nachiveisbar. Alfr. Wolt-
mann, welcher allerdings, ivie andere, von dem
Wengenbild und den Biberacher Tafeln keine
Kenntnis hatte, hält bei der Aufzählung einer
Reihe angeblich Schonganerscher Gemälde (in
seiner „Geschichte der deutschen Kunst im Elsaß,"
Leipzig, Verlag von E. A. Seemann, 1876,
S. 226 ff.), so viele Gemälde auch in öffent-
lichen und privaten Sammlungen dem ziemlich
produktiven „deutschen Perugino" zngeschrieben
werden, nur äußerst wenige für sicher und
ächt und außer der weltberühmten, jetzt in
der Stiftskirche zu St. Martin in Kolmar
befindlichen, von Schongauer selbst (auf 1473)
datirten, „Madonna im Rosenhag" kaum ein
einziges für wirklich beglaubigt und in seinem
Ursprung nachgewiesen. Grüneisen-Mauch (a. a.
O. S. 36) erwähnen eine ans der Kolmarer
Bibliothek befindliche, noch ärger wie das Ulmcr
Bild übermalte Grablegung, welche von einzel-
nem abgesehen mit der Ulmer Grablegung —
soll doch wohl „Kreuzabnahme" heißen — die
Großartigkeit der Anordnung und die Schönheit
des in Stellung und Bewegung der trauernden
Gestalten sich anssprechenden Gefühls gemein
habe. Dies wird wohl eine der sechszehn jetzt in
dem der „Schouganergesellschaft" gehörigen Mu-
seum im ehemaligen Dominikanerkloster Unter-
linden zu Kolmar befindlichen Tafeln mit Dar-
stellungen ans der Leidensgeschichte sein, unter
welchen gleichfalls eine Kreuzabnahme ver-
treten ist. Woltmann ist im Gegensätze zu G.
F. Waagen („Künstler und Kunstwerke in
Deutschland" II, S. 308 ff. und „Handbuch der
deutschen und niederländischen Malerschnlen",
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