Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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Gemälde dem auch sonst schon bewährten
Gemälderestaurateur Deschle x von Augs-
bnrg zur Wiederherstellung anvertrant,
lieber das Geleistete fällte ein gewiegter
Kenner ans diesen: Gebiete das einfache,
aber vollständig
genügende Ur-
theil: „Ein an-
derer Maler
hätte wohl an-
dere Gemälde
hergestellt;

Deschler aber
hat die Origina-
lien erhalten."

Allein ;u be-
dauern ist, daß
diese kostbaren
Reliquien kirch-
licher Monn-
mental-Malerei
an den schräg-
gestellten Sei-
renwänden der
Chorkapelle so
sitnirt sind, daß
sie, trotz der
günstigen Be-
lenchtnng von
Seite der un-
teren Lncida,
von den meisten
fremden Besu-
chern der Kirche
kaum bemerkt
werden. Um so
mehr mag es an-
gezeigt erschei-
nen, sie hier in
Wort und Bild
dem Kunst-
freunde vorzu-
sühren.

Dem Be-
schauer an Ort
und Stelle wird
zunächst nicht
entgehen, daß
beide Darstellungen eine Ergänzung des
zu ihren Füßen sich ansbreitenden hl.
Grabes wie in räumlicher Anordnung, so
auch in sachlicher Beziehung sind. Zur
Rechten tritt dem Beschauer die blutige
Scene auf Golgatha entgegen; zu seiner

Linkeil erblickt er, als das einzig ent-
sprechende Gegenstück, den Leichnam des
Gekreuzigten ans dem Schooße seiner
jungfräulichen Mutter. Ans diese Weise
gestaltet sich diese Chorkapelle zu einer

eigentlichen Hei-
liggrabkapelle.

Das erste
Gemälde zeigt
Christus am
Kreuze inmitten
der beiden Schä-
cher. Die straff
horizontal ge-
spannten Arme
des Heilands
sind mit eiser-
nen Nägeln an
den Querbalken
angenagelt. Die
Arme der mit-
gekreuzigten
Missethäter da-
gegen sind nicht
durch Nägel be-
festigt, sondern
verrenkt
um den Quer-
balken gewun-
den und mit
Stricken daran
gebunden. Es
ist in diesen ver-
zogenen Glied-
maßen viel Le-
ben, lind diesel-
ben setzen eilte
große Fertigkeit
in der Wieder-
gabedesmensch-
lichen Körpers
voraus. Das
Bild des Ge-
kreuzigten ist
ein sogenannter
lebender Chri-
stus. Zur Rech-
ten unten am
Kreuze stehen drei von tiefem Schmerze
ergriffene Frauen, von welchen insbesondere
die Schmerzensmutter durch ihren dem er-
sterbenden Auge ihres Sohnes begegnen-
den Blick, ihre ans der Brust gefalteten,
heilige Ruhe und stille Gottergebenheit
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