Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 34
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Welch hervorragende Stellung der Gmün-
der Sohn Hans Baldnng Grien in der
Geschichte der Malerei eingenommen hat,
darüber war in neuerer Zeit viel des
Schönen und Interessanten in Vorträgen
zu hören und in Zeitschristen zu lesen.
Aber dieser hervorragende Maler ist ge-
boren um das Jahr 1476, und seine Hanpt-
thätigkeit fällt erst in die erste Hälfte des
16. Jahrhunderts, abgesehen davon, daß
zwischen den Baldnng'schen Schöpfungen
und unseren Malereien sich and) nicht der
leiseste Verwandtschaftszng findet. Ueber-
hanpt muß Gmünd sehr bedauern, von
diesem so großen Sohne seiner Stadt auch
nicht ein einziges monumentales Werk zu
besitze». Alle seine bis ans heute so ge-
schätzten Werke befinden sich außerhalb der
Grenzen des engeren Vaterlandes. Nemo
propheta in patria habe ich einmal in
dieser Beziehung irgendwo gelesen. Nein,
das war nicht der Grund, sondern die
Jeit des Schaffens dieses großen Malers
fiel gerade in die unglückliche Periode des
Einsturzes der beiden Kirchthürme im Jahre
1497. Da gab es für einen auch noch
so hervorragenden Maler keine Gelegen-
heit, sich in seiner Vaterstadt selbst auch
durch irgend ein größeres, besonders kirch-
liches Werk zu verewigen; da mußte gu-
erst und vor allein an die Rettung, Er-
haltung und Wiederherstellung des Kirchen-
gebändeö selbst gedacht werden! Umgekehrt
ist aber wohl ebenso wenig ju bezweifeln,
daß das Farbentalent des hochbegabten
Knaben im Anscheinen von solch großarti-
gen Gemälden, wie die Heiliggrabkapelle
sie dem kindlichen Auge bot, frühzeitig
schon geweckt wtirde und unter deren Ein-
fluß die zarte Knospe sich zu jenen herr-
licheit, heute wohl noch mehr als zu seiner
Nbenszeit bewunderten Blnmeit entwickel-
ten, welche im Münster Ztt Freibnrg i. B.
tlnd iit beu verschiedensten kgl. Museen
mit ihrem himmlischen Dufte die für Höhe-
res empfänglichen Herzen und Seelen er-
sticken !

phantastische, scherz- und boshafte
Gebilde inittelalterlicher Kunst.

Von Stadtpfmrer Eugen Keppler in Freudenstadt.

(Schluß.)

Der Narr war schon lange vor seiner
Erhebung zum Hofnarren bei dem gewöhn-

licheit Volk eine sehr gewichtige Persön-
lichkeit. Deitit die Thorheit, oder wie sie
damals hieß, „die Mutter Thorheit", ge-
itoß eine Art Kult, unb wo dieser ans
dem Schooße des Volkes erwuchs, entfaltete
er sich kräftiger und offenbarte eine nn-
gebnndenere Heiterkeit und keckere Spott-
sncht als im Schlepptau der Vornehmen.
Als Zerrbilder ernster und namenttid)
kirchlicher Vereine entstanden landauf
landab Narrengesellschaften, deren Vor-
stände „Päpste", „Kardinale", „Bischöfe",
„Könige" n. s. w. hießen und die ihre
Tollheiten sogar iits Heiligthnm hinein-
trngen. Einige Bleimünzen mit den Bild-
nissen und Namen der Narrenwürdenträger
geben von den ältesten dieser Gesellschaften
noch Kttitde. Von Darstellungen auf Chor-
stühlen, die sich auf sie beziehen, deren es
aber von jeher nur sehr wenige gewesen
sein dürften, ist (znin Glück!) nicht mehr
als eilte bekannt, und diese epistirt nicht
mehr. Es war eine der höchst absonder-
lichen Bildschnitzereien in der Kirche St.
Spire in Eorbeil, kopirt und veröffentlicht
voit Millin: eine Sitzkonsole, welche einen
leibhaftigen Narrenbischof mit der Mitra
im Akt des Segensspendens dargestellt. Der
Narrenkolben ersetzt den Bischofstab! (Ab-
bildung bei Wright S. 191.) Es ist dies
allerdings eilt sehr befremdlicher Auswuchs,
aber er ist ja nicht der Phantasie des
Bildschnitzers entsprungen, soitdern von ihm
lediglich der Wirklichkeit eiltlehnt und be-
weist wieder einmal, wie sehr die Kunst
vom Volksleben zehrte und welch allseitige
Encyklopädie dieses Volkslebens wir an
deit mittelalterlichen Kirchenbanten haben.

Verwischen wir den widerlichen Eindruck
dieser Parodie, indem wir zunl Schlttß der
Karikatur auf ein Feld folgen, auf welchem
sie sich Lorbeereit erworben hat. Die Pre-
diger des Mittelalters sührteil wahre Kenlen-
schläge gegen die immer wieder von neuem
allftancheilden Modethorheiten unb Aus-
wüchse der Kleidertracht. Ihre Satyren
übten den größten Einfluß auf die Mi-
niaturmaler, welche nun den gleichen Kampf
führten. Die Bildschnitzer kehrten die Waf-
feit seltener nach dieser Richtung, thateit sie
es aber, so saß der Hieb. Eitte Sitzkonsole
am Chorgestühl zu Lndlow führt uns den
Kopf einer häßlichen Alten vor, at>s deren
Zügen Essigsäure spricht. Sie ist frisirt im
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