Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 41
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Archiv für christliche Kunst.

Mrgan des Rottenburger Oiözesan-Oereins für christliche Kmift.

perausgegeben und redigirt von Professor Or. Reppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Uunftvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für,M. 2.05 durch die württembergischen (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), JL 2.20 durch die bayerischen und die ReichIpoftanstalten,

.. -- fl. 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden TpOO

b» S* auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt IOy2*

'J von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraste 94, zum
Preise von JL 2.05 halbjährlich.

Der neue Hochaltar der ötadtpfarr-
kirche von ^reudenstadt und die
Restauration dieser Rirche.

Auf der Generalversammlung des Notten-
burger Diözesankuustvereins im Jahr 1888
war der Beschluß gefaßt worden, einen
Theil der nach Abzug der Verwaltungs-
tosten und der Kosten der Vereinsgaben
übrig bleibenden Mittel der Kasse zur Her-
stellung einzelner mustergiltiger Werke
christlicher Kunst zu verwenden und diese
dann schenkungsweise an besonders bedürf-
tige Kirchen der Diözese abzngeben. lieber
die Art und Weise, wie dieser Beschluß
zur Ausführung gebracht werden solle,
fanden Berathnngen im Schooße des Aus-
schusses statt. Man einigte sich über die
folgenden allgemeinen Grundsätze. Ein-
mal sollte nie die ganze Kasse entleert,
sondern immer ein zinstragender Ueber-
schuß zurückbehalten werden, namentlich
auch um in der Herstellung der Vereins-
gaben freieren Spielraum zu haben. So-
dann sollten prinzipiell ans die Kasse keine
Auslagen übernommen werden, für welche
andere Kassen rechtlich einzustehen haben;
auch sollen die gewöhnlichsten Bedürfnisse
der Kirchen, bei welchen die Kunst wenig
oder nicht betheiligt ist, unberücksichtigt
bleiben. Ferner leistet der Verein grund-
sätzlich nicht Beiträge zur Erstellung von
Kunstwerken, sondern er läßt sich nur ans
Stiftung ganzer Werke von Bedeutung
und höherem Werthe ein, die nach seinen
Plänen und unter seiner Aufsicht gefertigt
werden. Daß die verfügbaren Mittel auch
für die Erhaltung alter Kunstwerke ver-
wendet werden können, ist selbstverständlich.

Im Jahre 1890 konnte der Ausschuß
erstmals daran denken, jenen Beschluß ins
Werk treten zu lassen. Ein eingelaufenes
Gesuch des Stadtpfarramts Freudenstadt

erschien so sehr begründet, daß man so-
fort einstimmig beschloß, die Gabe des
Kunstvereins dorthin zu wenden. Die ärm-
liche Kirche dieser völlig armen Gemeinde
hatte einen Hochaltar, der diesen Namen
nicht verdiente und zu seiner erhabenen
Bestimmung im grellsten Widerspruch stand.
Der Ausschuß beschloß, den ganzen Altar-
anfbau ans die Vereinskasse zu übernehmen,
dagegen der Gemeinde die Auflage zu
machen, daß sie für das Suppedaneum und
eine nach den Zeichnungen des Knnst-
vereins zu erstellende steinerne Mensa selbst
aufkomme. Der Vorstand ward beauftragt,
einen Entwurf vorzulegen. Dies geschah
unter Darlegung der Grundsätze, welche
bei Fertigung desselben maßgebend waren.
Die Wahl des Stiles konnte keine Schwie-
rigkeit bereiten. Wiewohl der Sinn des
Baumeisters der Freudenstadter Kirche wahr-
scheinlich einst aus das Romanische ge-
richtet war, so wird doch heutzutage Nie-
mand mehr es wagen, die Kirche romanisch
zu nennen; sie ist einfach als stillos zu
bezeichnen. Ein Altar im gothischen oder
romanischen Stil hätte in dieser Kirche sich
fremd fühlen müssen. Dem sich unmittel-
bar nahelegenden Renaissancestil ans dem
Weg zu gehen, lag kein Grund vor. Ja,
da gerade der Altarbau in diesem Stil ein
schwieriges Problem ist, das schon sehr
verkehrte Lösungen fand, so erschien eben
hier die Aufstellung einer nach richtigen
Prinzipien entworfenen Musterform beson-
ders nützlich. Es war aber zum Voraus
klar, daß man diesen Stil nur in seinen
strengeren und reineren Formen zur Ver-
wendung bringen dürfe, d. h. sich im Gan-
zen an die italienische Frührenaissance zu
halten habe. So wenig wir alles ver-
achten oder zerstören, was die deutsche
Renaissance und Spätrenaissance, der Ba-
rock- und Zopfstil an kirchlichen Werken
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