Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 44
DOI Heft: 10.11588/diglit.15909.28
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15909.29
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15909.30
DOI Seite: 10.11588/diglit.15909#0051
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1892/0051
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
44

äußere Verschalung (oder, wie mau hier
sagt, Verlauderung) des Langschisfes wurde
wegen der auf 1100 M. veranschlagten
Kosten vorerst vertagt. — Zum Unglück
hatte noch eine Verschiebung des Gebälks
die Dachanschlnsse gelockert und so den
Einflüssen des Himmels Thür und Thor
geöffnet, derart, daß z. B. der Gottesdienst
am Königsfest 1889 (in dem sonst schnee-
armen Winter) nicht beginnen konnte, ehe
der Blasebalg aus fußtiefem Schnee her-
ansgeschanfelt war und daß in der Zeit,
da man „Thauet Himmel" singt, der eine
Nebenaltar gewöhnlich wie eine Schnee-
landschast aussah.

Als unter diesen Umständen der Knnst-
vereinsansschnß auf die Bitteingabe des
Unterzeichneten einen Altaranfsatz der hie-
sigen Gemeinde verwilligte, vorausgesetzt,
daß sie die dazu gehörige Mensa auf ihre
Kosten erstelle, war man hier beinahe in
der Lage jenes Bettlers, der einem edel-
müthigen Geber gegenüber bedauerte, dessen
Geldstück nicht annehmen zu können, weil
er keine Tasche habe, es einzustecken. —
Nicht daß man in Verlegenheit gewesen
wäre, die 700 M. für den Altartisch anf-
znbringen: denn darüber konnte gegenüber
einem so glänzenden Angebot auch die ärmste
Gemeinde nicht verlegen sein: sondern weil
der Gegensatz zwischen dem Bethlehemiti-
schen Stall und dem Kunstwerk, das er
anfnehmen sollte, doch ein gar zu schreien-
der war.

Anderseits war aber das Wort „Hoch-
altar in Sicht" ganz dazu angelegt, um
alle Bedenken gegen eine sofortige und
gründliche Erneuerung des Kirchengebändes
bei Gemeindegenosfen und Behörden aus
einmal zu zerstreuen. Als im Oktober des
Jahres 1890 das umfangreiche Gerüst-
werk mit einem Aufwand von 200 Mark
ausgestellt war, sah Jedermann ein, daß
die Bestimmung desselben nicht erfüllt sei,
wenn man nur die Schäden flicke, wenn
man nicht zugleich den Wänden und be-
sonders der nur mit Wasserfarben ange-
strichenen Holzdecke einen ordentlichen Far-
benschmuck gebe. Daß man vor allem be-
dacht war, den Chor zu einem wettersichern
und zugleich würdigen Standort des neuen
Altars zu machen, versteht sich. Derselbe
erhielt besonders einen feinen Mettlacher
Bodenbelag und statt der abscheulichen

Brille eine herzerquickende Farbenkompo-
sition aus der Werkstätte von Waldhansen
& Ellenbeck in Stuttgart.

(Schluß folgt.)

Reutlinger Bildhauer.

Von Theodor Schön in Stuttgart.

Die beabsichtigte Restaurirung der Ma-
rienkirche in Rentlingen hat wiederum das
allgemeine Interesse diesem schönen Bauwerk
zugewandt. Da dürfte es denn auch ange-
zeigt sein, ein wenig sich mit ben Männern,
welche am Ball unb an der Ausschmückung
dieser Kirche thätig waren, zu beschäftigen,
lieber die ältere Bauperiode schweigt die Ge-
schichte. Nur Hypothese ist es, in dem in
einer Bebenhauser Urkunde vom 31. Augllst
1359 genailnten Meister Peter von Rüthe-
lingen den Steinmetzen, den Meister, der
den Bau der Marienkirche zu Ende geführt
hat, zu seheil. lieber feiile sonstigen Schick-
sale ist nichts bekannt. Jhiil kann aber nicht
das in einer Urkunde der Kircheupflege in
Neutliilgen voul 10. August 1340 geuaunte
„Steinmätz seelig Gut zu Kusterdingen" ge-
hört haben, und es war demnach schon vor
dem Jahre 1340 in Reutlingens nächster
Nähe oder wahrscheinlich in der Sckadt selbst
ein Steinmetz ansässig.

Doch erst das Ende des nächsten Jahr-
hunderts gibt weiteres Licht über die Ge-
schichte des Kirchenbaues, bezw. der Aus-
schmückuug der Kirche. Klar unb deutlich
tritt hier eiltgegen die Person des Meisters
Peter von B r y s a ch. Das am Montag nach
St. Valentin (16. Februar) 1489 verfaßte,
im Archiv der Kirchenpflege zu Reutlingen
aufbewahrte Verzeichniß von „des Spitals
Ziilse" neuut Maister Peter voil Brysach
Stainmetzen Haus in der Barfüßergasse. Die
nächste Nachricht über diesen Künstler staiumt
aus dem Jahre 1496. In diesem Jahre
schrieb, wie Gayler, Histor. Denkwürdigkeiten I,
Seite 129 berichtet, Reutlingen nach Eßlin-
gen, sein Werkmeister Peter von Breisach
habe den Kirchthurm aufgesetzt und bittet
den Eßlinger Werkmeister, der ihn auch ge-
sehen, zur Besichtigung der Arbeit zu schicken.
Es hatte nämlich am 20. Jllui 1494 ein
Blitzstrahl die Kirchenspitze zerschmettert und
hat demnach Peter, wie die Württembergi-
schen Jahrbücher 1863 wohl mit Recht an-
ilehmen, in den Jahren 1494—1496 den
Thurm allsgebessert. Daß Meister Peter
von Breisach Bürger der Reichsstadt unb
als Besitzer von zwei Häusern in besseren
Vermögensverhältuissen war, ergibt sich ans
eiiler Urkunde des Kirchenpflegearchivs vom
loading ...