Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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von Klemm, Seite 110, genannten Meister
Martin von Urach, welcher ja 1508 und
wohl auch 1485—1489 in Hirsau thätig
war. Eine bürgerliche Familie von Urach
oder Urach läßt sich in Reutlingen urkund-
lich 1360—1494 Nachweisen und führte im
Wappen eine Fischgräthe. Möglicherweise
ist Martin ein Glied derselben und ein ge-
borener Reutlinger. Allerdings könnte ja
auch Bildhauer Familiennamen sein. Bei
dem 12. Februar 1549 in einem Verzeichniß
des Kirchcnpslegearchivs zu Reutlingen ge-
nannten Matheus Puwmaister von Reut-
lingen scheint Pntvmaister Familienname
zu sein, da schon Georgii 1515 in einer Ur-
kunde desselben Archivs Michel Bnmeister
Slisfer in Reutlingen erscheint.

Nachtrag zu dem Aufsatz: „Beziehungen
des A7. Schongauer zu Alm".

Von Amtsrichter a. D. P. Beck.

Nach einem mir erst nach Schluß meiner
Arbeit (in Nr. 1, S. 8—10 und Nr. 2, S. 11
n. 12 d. Bl.) zu Gesicht gekommenen anonymen
Aufsatze tz „über Martin Schongauers Oelgemälde
und Handzeichnungen" im „Kunstbl." Nr. 8 ff.
vom 28. Januar 1841 (S. 29 u. 30), Beilage zum
Stuttgarter „Morgenblatt" Nr. 24, wäre das
seiner Zeit im Augustinerkloster zu deu Wengen
in Ulm befindlich gewesene, von Kurfürst Wil-
helm von Bayern im Jahre 1613 sehnlichst begehrte,
durch Prälat Kuen in seiner »Wenga* :c. be-
schriebene, „unbezweifelte" ächte M. Schongauer-
sche Oelgemälde: „der Leichnam Christi, von
Joseph von Arimathäa vor der Grabeshöhle auf
einem Leintuch zur Erde niedergelassen, wird
von den hl. Frauen, dem hl. Johannes und Nico-
demus beweint," 5^ 7"d) hoch; 5' 1" breit; auf
Hvlz(!), zu Anfang dieses Jahrhunderts — nach
dem neuesten „beschreibenden Verzeichnisse der
iu der älteren Pinakothek zu München enthalteneil
Gemälde mit biographisch- und kunstgeschichtlich-
kritischen Erläuterungen" von Pros. Dr. Rud.
Marggraff, vierte vermehrte und umgear-
beitete Auflage, ebendaselbst 1879, S. 18 an:
10. März 180 3 — zuerst (s. Ch. Männlich,
Beschreibung der chur-pfälzisch-bayerischen Ge-
müldesammlungen zu München und Schleißheim,
1805—1810, sub Nr. 1519) in die kgl. bayer.
Staatssammlung und im Verlaufe iu die nach-
mals errichtete (ältere) Pinakothek gewandert, in
welcher — bezw. int 2. großen Saale sub Nr. 88
— dasselbe bei den Werken der deutschen und
niederländischen Schulen des 16., 17., und 18.
Jahrhunderts sich zur Zeit ttoch befindet. _ Das
Bild selbst wird eingeheild folgendermaßen beschrie-

Z Nach einer Notiz Schnaase's ist der Vers,
dieses tüchtigen instruktiven Aufsatzes — G a s s e rt.

2) So findet sich das Höhenmaß im neuesten
Margraff'schen Kataloge bezeichnet, »nährend das
„Kunstbl." ilnd die alteir Verzeichnisse eine Höhe
von 7' angeben.

beit: Christus ist bereits vom Kreuze abgenommen;
seine Freunde, die den hl. Leichnam bis znnt
Eingänge des ihm voll Joseph von Arimathäa
gewidmeten Felsetlgrabes getragen, lassen ihil
aus ihren Armen für einen Augenblick auf den
Boden gleiten: es ist der herbste Augenblick, in
welchem auch die irdischen Ueberreste eines theu-
ren Lebens »licht mehr ihnen, sondern der Nacht
eiiles mit schlverem Steine zu versiegelndeil
Grabes angehören feilten, der Augenblick, da sie
diese mit Myrrhen, nlit Aloe mid mit ihreil
Thränen salbten, den bittersten, »velchen je Mut-
ter-, Jünger- »md Freundesaugen geiveint. Der
Leichnam Christi ruht auf einem »veißen Tuche,
halb liegend, halb sitzend, »mter den Armen voll
dem rechts knieenden Joseph von Arimathäa in
rothem Ueberwurf und schlvarzer Kapuze ge-
schützt. lieber den Todteil beugt sich im tiefsten
Grame die hl. Mutter, die Hand seines schlaffen
Armes in ihrer haltend. mit dem Ende ihres
Schleiers die strömenden Zähren trocknend. Links
steht Nicodemus in gelbem Ueberwurfe mit rothem
Besatz, er scheint durchdrungen und aufgerichtet
vvnl Glauben an die Weissagung Christi, er
»verde auferstehen, lind gibt seiner Ueberzeugung
gegen die übrigen Leidtragenden auch Worte.
Hinter der schmerzenreichen Mutter steht des
Heilands liebster Jünger, das Haupt in stillem
Dulden unter das nantenlose Leid beugend; zur
Seite rechts und links lind hinter ihm schließen
iil leidenschaftlichen Ergüssen ihres Schmerzes
die drei hl. Frauen Maria, Magdalena, Maria
Jakobi llild Salomo, die höchst charaktervolle
Gruppe. Sie sind gleich der hl. Mutter in tief
duilkle Gewänder und »veiße Schleier gehüllt.
Der Schallplatz der Scene erhebt sich ziemlich
steil und »veilig abgestuft zu dem links im Grunde
ersichtlichen Kalvarienberge, mit den drei leeren
Kreuzen und einer Gruppe zurückgebliebenen
Volkes, »md rechts zu dem in bunter deutsch-
mittelalterlicher Architektur gedachten Jerusalem.
— Die Anordnung der Grilppe neigt sich noch
ztlr älteren symmetrischen und pyramidalischen
Weise. Die Zeichnung ist »veniger frei von
scharfen und eckigen Formen und Bewegungen
als andere nnb darum wohl spätere Gemälde
Schongauers. Die Färbung, ursprünglich schon
voll einem bräunlichen Tone, der besonders in
Behandlung der Formen charakteristisch, hat nach-
gedunkelt nild theilweise gelitten, namentlich in
der übrigens übermalten') Carnation des hl.
Leichnams und dem Baumgrün, das fast ganz
ins Braune übergegangen; endlich geben ihr die
lmter sich lvenig verschiedenen dunkeln Gewan-
dungen der Frauen etlvas Eintöniges; auch ent-
falten diese in den Köpfen bei »veitem nicht die,
»vie auf jenen Kolmarer Bildern, den Frauen-
gestalten unseres Meisters _ eigenthümliche An-
mut h und Milde, wogegen freilich der hier alles
durchdringende Typus eitles tiefen Seelenleidens
iil Anschlag ztl bringen. Desseiluilgeachtet aber
spricht il»ls das gaitze mächtig an durch seine
ernste Größe, seineil trotz der Jndividualisirung
mid mannigfachen Steigerung des vorwaltenden
Affektes, rtlhigen, edeln nnb durch nichts Extra-

Z Durch Leoilhard Kuen?
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