Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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vagantes unb Phantastisches gestörten Zusammen-
halt, sowie überhaupt seine ungewöhnlich seelen-
volle Tiefe in der Auffassung, der die allen
Werken Ai. Schonganers in höherem oder min-
derein Maaße gemeinschaftliche Weichheit in der
Behandlungsweise wohl ansteht. Dazu wird ans
dem (mir nicht vorgelegenen) „Kunstbl." von 1830,
Nr. 89 folgende „54 Jahre später" gethane
Aeußernng Alb. Wehermanns, welcher übrigens
notorischermaßen nicht immer zuverlässig und
nur mit Vorsicht zu gebrauchen ist, angeführt:
Als im Jahr 1803 das Augustinerklvster in Ulm
aufgehoben, die Gebäude in eine Kaserne ver-
ivandelt und alle Mobilien verkauft tvurden, ge-
schah letzteres auch mit den Malereien in der
Prälatur und den Klostergängen. Es waren
Tafeln von Holz und Leinwand ans den ältesten
Zeiten der Malerkunst, zum Theil seltene Werke,
die alle zusammen um 13 fl. losgeschlagen wurden.
Ein Bürger in Ulm, der sie erhielt, mußte einen
Leiterwagen gebrauchen, um sie abführen zu
können. Unter denselben war das große Ge-
mälde, die Abnehmnng vom Kreuze von Mart.
Schoen, das jetzt ein Schiffinann in Ulm besitzt?)
Darnach Hütte sich unsere Bermnthnng, weder
Grüneisen-Mauch noch Häßler können das die
Kreuzabnahme vorstellende Wengenbild bei den
angeführten Besprechungen und Vergleichungen
im Auge gehabt haben, vvllbestätigt; und wäre
dieses Gemälde im Jahre 1817 gar nicht mehr
in Ulm, bezw. in dessen Münster, (in tvelches
dasselbe überhaupt gar nie gekommen zu sein
scheint) gewesen und könnte somit weder damals
noch später (sondern bloß allenfalls früher) re-
staunrt tvorden sein. Die genannten Ulmer
Kunstgelehrten müssen hiebei augenscheinlich ein
anderes, vielleicht gleichfalls aus dem
ja zahlreiche Kunstschätze in seinen Mauern bergen-
den Wengenstifte stammendes Bild vor sich ge-
habt und ans letzteres die Episode mit dem
bayerischen Kurfürsten aus dem Jahre 1613 irr-
thümlich bezogen haben. Auffallend bleibt nur,
daß dieser Jrrthnm angesichts der schon im
Jahre 1841 im „Kunstbl." ertheilten Aufschlüsse,
tvelche indeß, nebenbei bemerkt, auf die das Jahr
zuvor erschienene Schrift von Grüneisen-Mauch,
bezw. auf den darin das fragliche Bild betref-
fenden Passus mit keiner Silbe Bezug nehmen,
sich so lange forterhalten, bezw. weitergeschrieben
werden konnte und weder in der spätere:: Auf-
lage der Schrift von Grüneisen-Mauch noch sonst,
etwa in den Veröffentlichungen des „Vereins für
Kunst und Alterthum in Ulm und Oberschwaben"
oder in Heideloff-Haßlers Werk über „Ulms
Kunstleben im Mittelalter" (Stuttgart, 1864),
berichtigt worden ist.

Allein — ein Hanptbedenken an der Richtig-
keit der vom „Kunstbl." von 1841 gegebenen
Aufklärung, bezw. an der Identität des jetzt
in der Münchener Pinakothek (im 2. Saal, Nr. 88)

Z Daß die bayerische Negierung damals alle
Malereien aus dem Wengenkloster um 13 fl.
habe veräußern lassen und dann gleichwohl das
(bereits am 10. März 1803 nach München ge-
kommene) Wengenbild Ivieder erworben habe,
klingt auch nicht sehr wahrscheinlich.

anfgehängten Bildes mit den: in Wenga p. 151
beschriebenen Gemälde können wir nicht unter-
drücken, den Umstand nämlich, daß ersteres ja
ein Holzbild ist, während letzteres im Gegen-
sätze zu dem eit. Kunstblattanfsatz, woselbst (S. 29)
die nachfolgende wesentliche Stelle auffallender-
weise ausgelassen *) und unrichtigerweise von einer
„hölzernen Tafel" die Rede ist, in Wenga
ausdrücklich als eine »pictura ligno minime
autem telae lineae actificis pernicillo inn-
pressa« bezeichnet wird; es müßte nur, tvas
schon öfters vorgekommen, was aber der
Augenschein ergeben sollte, das ursprüngliche
Leinwandbild im Laufe der Zeit ans Holz anf-
geleimt worden sein! Wir verkennen hiebei das
schon oben angedentete Bedenkliche nicht, tvelches
in dem llmstande liegt, daß Schongauer zu so
früher Zeit ans Leinwand gemalt haben soll;
und tvir tvollen auch nicht verschweigen, daß die
in Wenga beschriebene Darstellung unter allen
dein M. Schongauer beigezählten Oelbildern bis
jetzt das einzige ans Leinwand gemalte Ge-
mälde ist und alle andere:! diesem Meister zn-
geschriebenen Werke Holzbilder sind. Dann
wird weiter dieser im „Kunstbl." „unbezweifelte"
ächte Schongailer in dem neuesten bereits oben
angezogenen Pinakothekkataloge von Marggraff
auf S. 18 (im Gegensätze zu den früheren Ka-
talogen, insbesondere zu dem Verzeichnisse des
Zentralgaleriedirektors Georg v. Dillis, München,
1838, ivoselbst S. 27 dieses Bild als unzlveifel-
hafter „Schongauer" ausgegeben und nebenbei
dessen Geburtsdatuin ans das Jahr 1420 be-
stimmt und Schongauer selbst als Schüler des
Lupert Rust bezeichnet tvird) für ein Werk des
Martin Schaffner mit den: Anfügen erklärt,
daß dasselbe früher irrthümlich dem M. Schoen
und auch dem Barthol. Zeitblom zngeschrieben
wurde. Auf tvas diese neuere geänderte Zu-
schreibung sich gründet und ob dieselbe endgültig
feststeht, wissen wir nicht; tvir wissen bloß so
viel, daß auch die virtuoseste Kennerschaft sich in
solchen Zuschreibungen täuschen kann. Es wird
an den Kunstverständigen sein, das Münchener
Bild sich bei Gelegenheit tviederholt ans die Ur-
heberschaft des Schongauer oder Schaffner genau
anzusehen. Diese beiden Künstler wurden ja
zugegebenermaßen, obwohl sie eigentlich tticht
gleichzeitig tvirkten, sondern unmittelbar auf ein-
ander folgten, früher wohl wegen des gemein-
schaftlichen Vornamens und vielleicht auch tvegen
des gleichen Anfangsbuchstabens des Geschlechts-
namens nicht selten mit einander verwechselt!
namentlich scheint Männlich, ivelcher als da-
maliger Galerievorstand das Bild von Ulm ans
in die knrpfälzisch-bayerische Gemäldesammlung
in München aufnahm, über Schongauer, dessen
Leben, Zeit und Wirken noch nicht recht im
Klaren getvesen zu sein, soferne derselbe a. a. O.
angibt, Schongauer sei im Jahre 1524 noch am
Leben gewesen. Ist das Münchener Bild mit
dem in Wenga beschriebenen Kunstwerke nicht

1 Von dem betreffenden Passus aus Wenga
ist im „Kunstbl." der ganze Eingang: Serenis-
simus Bavariae Dux bis a petitione sua destitit
weggelassen.
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