Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 54
DOI Heft: 10.11588/diglit.15909.34
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15909.36
DOI Seite: 10.11588/diglit.15909#0062
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1892/0062
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
54

Wirkung feinet* einfachen Linien und her-
vorstechenden Farben: weiß mit roth und
Goldverzierung auf schwarzem Grunde.
Dieser Fries wird unterbrochen durch die
Fensterschrägen, die mit ihrem Sandstein-
weiß malerisch in die rothe Fläche herein-
schneideil, und durch die Streben, welche
die Vertikaltheilung bilden. Letztere steigen
in ganz leichtem Chocoladeton einfarbig
auf. Weil sie an sich schwer genug sind,
empfahl sich eine dunklere Fassung nicht,
ebensowenig eine Eintheilung in mehrere
Absätze.

Von der rosarothen Fläche heben die
Fenster mit brannrothen Laibungen und
Umrahmungen wirksam sich ab. Sie sind
eingefaßt von zwei schwarzen Strichen mit
einem Besatz von einfachstem buntem
Blätterwerk, das die Vermittlung zu dem
umgebenden Felde herstellt. Ein Gesims,
welches die Strebepfeiler krönt und die
Felisterbogen umsänmend sich an der Wand
fortpflanzt, bildet die natürliche Abgrenzung
nach oben. Etwas dünnleibig von Hans
ans, wird es gleich den Fenstergestellen
durch ein kräftiges Rothbrann greifbar-
gemacht und durch dunklere Linien am
Ruudstab und unterhalb des Bandes noch
betont. Ueber diesem Gesims beginnt die
grünliche Fläche, senkrecht durchschnitten
von den Tragbalken, welche die Richtung
der Streben fortsetzen, und abschließend
mit dem obersten Gesims, das durch Roth
und Blau ausgezeichnet und zudem durch
eine Bordüre erbreitert ist. Aber auch
die ganze Fläche des Westgiebels und die
ganze Wand über dem Chorbogen erhält
ihre Gepräge von dem „Kaisergrün". Der
Chorbogeu, dessen Rundung von der Ge-
sammtwand absteht — seine Pfeiler sind
nur durch einen schwarzeir Strich davon
abgehoben — der Chorbogen ist als Ganzes
für sich behandelt; er zeigt dieselbe matte
Färbung wie die Streben. Dafür ist der
eigentliche Bogen außen und innen mit
einem einfachen Ornament geschmückt, wie
auch die Ostwand von einem schlichten
Blumengewinde nmsäumt wird. Daß diese
Ornamente, die übrigens durch dunkle Ein-
fassung hervorgehoben werden, in ge-
dämpfterem Tone gehalten sind als der
Rautenfries, ist nicht ohne Grund: letzterer
markiert die Stelle des Gurtbands, also
eines Architektnrglieds! Diese ganze Or-

namentiernng ist neu und ungebraucht.
Der Herr Vereinsvorstand hat sie gewissen
geheimen Herbarien des Kunstvereins ent-
rissen und eigens für ihre jetzige Bestim-
mung ausgewählt. Die Höhe des Sockels
ist im Chor durch die Sakristeithür ge-
geben; die freien Flächen rechts und links
sind hier mit einem gelblichen, der Rund-
bogen mit einem sanft bläulichen Anflug
versehen.

Noch einfacher fast als an den Wänden
gestaltete sich die Farbengebung an der
Holzdecke des Schisses. Entsprechend dem
Charakter des Materials kamen im Ganzen
nur zwei Töne zur Anwendung: Eichenholz-
und Ahornfarbe. Die derbere und sattere
Eichenholzsarbe stand natürlich dem Trag-
nnd Spannwerke am besten an; die sanftere
und lichtere Färbung des Ahorns dem
durchbrochenen Maßwerk zwischen den Ver-
bandtheilen und den Feldern zwischen den
Dachsparren. Auch eine buntere Bemalung
dieser Felder wurde versucht, aber gleich
wieder aufgegeben. Ein paar schwarze
Zierstriche auf dem hellgelben Grund, das
Dach entlang laufend, waren genug des
Schmucks. Dieser Holzplafond, der nichts
für sich hat, als seine Leichtigkeit, erträgt
schwere Farben, breit aufgetragen, nicht.

Dagegen wurden die Hohlkehlen der
Dachsparren blau mit broncierten Rändern,
alle Fasen des Gebälks roth bemalt, die
herabhängenden Zapfen der Hängebalken
in Blau, Roth und Gold gefaßt. Die kleinen
Rundbogen, in welche die Hanptbogen aus-
gefranst sind, zeigen sich weiß mit blaner
Einfassung, mit rothen Endpunkten und
goldenen (broncierten) Knöpfen dran. Man
würde es nicht glauben, wie diese unschein-
bare Fassung der Einzeltheile das Ganze
belebt. Gerne eilt nun das Auge den
Hängesänlen, Kopfbändern und Pfetten
entlang und sucht ihre Verknotigungen auf,
vertieft sich in die netzartige Ausfüllung
der Dreiecke zwischen den Balken oder ver-
irrt sich in den ausgesägten Blumenguir-
landen, deren Windungen fliehend sich
verstecken. Das muß, wird der Leser
denken, einen Eindruck machen wie von
maurischer Architektur — eine maurische
Decke in einer angeblich romanischen Kirche!
Und wenn auch! So macht es jetzt
wenigstens einen Eindruck, während es
vorher meutern!? sehen mochte! Durch ein
loading ...