Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 58
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sachung der baulichen Erhaltung vollständig
niedergelegt, den beiden andern ward eine
Fürsorge zu Theil, zu reichlich, um ihnen
das Sterben, zu ärmlich, um ein gesundes
Fortleben zu ermöglichen. Noch steht die
Kirche und ein langer, mit ihr in gleicher
Linie lausender Bau, die sog. Abtei mit
dem einst schönen Prälatensaal, gewölbtem
Stiegenhaus und hübschen Holzdecken in
den Gängen. Hier war
auch das Hauptportal
des Klosters mit Vor-
raum, in welchem das
Sprechgitter und der
Driller bei geschlosse-
ner Klausur den Ver-
kehr nach außen er-
möglichte. Von der
Mitte des Abteigebäu-
des läuft der West-
flügel ans, der einst
die Zellen der Nonnen
barg und in welchem
jetzt Schule und Leh-
rer nntergebracht ist;
in ihm befinden sich der
alte Franen-
chor und die
sog. Stifts-
kapelle, die
wir eingehend
besichtigen
müssen. Süd-
und Ostflü-
gel und der
gewölbte
Kreuzgang,
der den mäch-
tigen Jnnenhof umlief, sind bis ans die
letzte Spur verschwunden; nur am vierten
Strebepfeiler der Südseite der Kirche ist
noch der Giebelansatz zu sehen, mit welchem
der Ostban an die Kirche stieß. Mit diesen
Flügeln, welche das Dorment und in einem
östlichen Ausbau die Instruierte bargen, sind
auch zwei schöne Kapellen zerstört worden,
die St. Brigitta- und die St. Annakapelle.

Jetzt noch, nach der gewaltsamen Los-
reißnng vom Ostflügel des Klosters, steht
die Kirche zur Himmelfahrt Mariens
groß und imposant da. Sie wurde 1358
gegründet laut zwei Grabsteininschriften im
Chor, ist 150 Fuß lang, 23 Fuß breit
und hat 50 Fuß lichte Jnnenhöhe. Ihre

Anlage entspricht ganz der, welche auch
sonst bei einfachen Nonnenklosterkirchen
dieser Periode üblich ist. Zur Anordnung
mehrerer Schiffe lag hier kein Grund vor,
dagegen ergab sich das Bedürfnis, das
Schiss der Kirche in zwei gesonderte Räume
abzutrennen, von welchen der eine den
Laien der Klosterwirthschaft und dem hieher
pilgernden Volk zugänglich war, der andere
den Nonnen für Per-
solvirnng des Offi-
ziums und für An-
wohnung beim Got-
tesdienst Vorbehalten
blieb; der letztere war
so anzulegen, daß ihm
durchaus der Charakter
der Klausur gewahrt
wurde. In einfachster
und bester Weise löste
man das Problem, in-
dem man die beiden
Räume über einander
anordnete und das
Schiff in seiner ganzen

Breite

m

und fast
seiner ganzen
Länge zwei-
stöckig gestal-
tete. Der
Nonnenchor
stellt so eine
erweiterte
Empore oder
eine Ober-
kirche dar,
und um so-
wohl letzterer

als der Unterkirche hinreichend Licht und
Luft zu schaffen, war nur nöthig, den
ganzen Ban entsprechend höher aufzuführen.

Dies ist auch die Veranlagung unserer
Kirche. Chor und Schiss haben gleiche
Breite und gehen ohne Vermittlung inein-
ander über. Außer dem Polygonen Chor-
schlnß ans dem Achteck besteht der ganze
schöne Bau ans acht mit Kreuzgewöl-
ben überspannten Jochen, denen an der
Außenseite die sehr kräftigen, dreimal ab-
getreppten und mit Giebeldächlein besetzten
Strebepfeiler entsprechen; die zwei west-
lichsten gegen den Klosterbau hin sind aufs
Eck gesetzt. Die hohen Fenster haben spät-
gothischeö Maßwerk, von theilweise fremden,
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