Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 59
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vielleicht später eingesetzten Formen; einige
hübsche Proben bilden wir hier ab. Die
Stelle des Thnrmes vertritt ein kunst-
reich aus dem Westgiebel aufgesetzter, all-
mählich sich anskragender, oktogoner kleiner
Dachreiter mit zarten Streben an den Ecken;
die je gepaarten gleichhohen spitzbogigen
Schallöffnungen auf jeder Seite sind durch
unschöne Holzläden verunstaltet. An der
Nordseite war von Anfang an die Sakri-
stei angebaut, aber ursprünglich, wie das
alte Gesims noch zeigt, bloß einstockig;
an sie schloß sich in der spätgothischen
Zeit ein ebenfalls die Kirche flankirender
und durch zwei hohe Spitzbogen mit
ihrem Innern in Verbindung gesetzter
Kapellenbau an, zwei Traveen, von spät-
gothischem Netzgewölbe überdeckt; die Fenster
wurden unschön verändert. Entweder zur
Zeit dieses Kapellenbaues oder wahrschein-
lich später überhöhte man die Sakristei
samt Kapelle um ein weiteres niedriges
Stockwerk; im Dachraum dieses Anbaues
sieht man noch die ursprünglichen Maß-
werkfenster, die dann in Folge jener Er-
höhung geblendet wurden. Dieses obere
Stockwerk ist in mehrere Paramenten-
kammern eingetheilt und birgt über der
Kapelle das alte Beichtkämmerchen, dessen
alte Einrichtung noch ganz erhalten ist.
Es war gegen die Paramentenkammern
hin mit einer starken, massiven Wand ab-
geschlossen , die erst später durchbrochen
wurde, und nur ein Zugang führte zu
demselben, vom Chor der Klosterfrauen
ans. In die Scheidewand ist das noch
erhaltene, mit starkem Tuch verkleidete
Eisengitter eingelassen; diesseits der
Scheidewand ist eine Kniebank für die
Beichtenden, jenseits derselben eine Arm-
bank für den Confessarius angebracht; so
war für die Klausur auch hier gewissen-
haft gesorgt; der Beichtvater konnte den
Raum des Beichtenden, die Beichtenden
den des Beichtvaters nicht betreten und bei
Verwaltung des Sakraments sah keines
das andere, nur das Sprechen und Hören
war ermöglicht. Eine besondere Beach-
tung verdient der Dachstuhl der Kirche,
der in Folge von Verlegung aller Stütz-
glieder auf die beiden Seiten eine weit-
räumige offene Halle bildet; es fehlte fast
jede Horizontalverbindnng, weswegen das
Sparrenwerk vielfach ausgewichen war, ein

Defekt, der in den letzten Jahren ans-
gebessert wurde. Noch sei erwähnt, daß
in einer Abseite des Chores unter dem
Fenster außen ein Widderkopf einge-
manert ist, geschützt durch ein darüber
angebrachtes Wasserschlaggesims; man habe
ihn schon im Verdacht hohen Alterthnms,
gar römischer Herkunft (Oberamtsbeschrei-
bung von Neresheim S. 341), aber er
ist sicher aus der Zeit der Erbauung und
war nichts anderes als der Ausguß einer
ans der Epistelseite angebrachten Piscina,
von der im Innern nichts mehr erhalten
ist. Dagegen fand man in den letzten
Jahren noch in der Wand eine Sedilien-
nische, schloß sie aber wieder mit einem
Epitaph. Ein schmerzliches Gefühl wird
man bei genauer Besichtigung des Aenßern
der Kirche

nicht los:
man hat ihr
nicht die
Pflege an-
gedeihen
lassen,deren
sie bedurfte.
Auf den
Fenster-
bänken und

Strebepfei-
lern wächst Gras; auf der Südseite sind
einige der letzteren geborsten; das Dach
der Sakristei kann Regen und Schnee
nicht mehr abwehren; ringsum hat sich
der Boden stark erhöht und er feuchtet
nun das ganze Mauerwerk besonders der
Nordseite in verderblicher Weise ein.

Im Innern breitete sich der Noune n-
ch o r über alle vier westlichen Traveen hin
und bildete in dieser großen Ausdehnung
eine stattliche, hohe und Helle Oberkirche;
da er aber jetzt seine Bestimmung verloren
hat und die Unterkirche drückte und ver-
dunkelte , so wurde er 1885 um zwei
Traveen verkürzt, lieber das Innere kam
vielleicht im Jahr 1720 eine leise Ver-
zopfung, die mit allem Vorhandenen
schonend umging. Die Gewölbrippen wur-
den belassen, nur mit Lanbornament in
Stuck umwunden und ebenso in die Kappen
und auf die Fensterlaibungen leicht anf-
getragene, nicht unschöne Stuckdekorationen
aufgesetzt. An den Gewölbrippen sind
drei Renovationen angeschrieben, je mit
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