Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 60
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dem Wappen der betreffenden Aebtissin,
vom Jahr 1720, 1750, 1785.

Sehen wir uns nun in der Kirche etwas
um. Wichtig sind vor allem zwei Epi-
taphien, die auf der Evangelienseite in
die nordöstliche Chorwand eingelassen sind.
Sie haben historische Bedeutung; die In-
schrift beider Steine, die leider am untern
Rand in den Boden versenkt ist, besagt,
daß 1358 der
Grundstein des
Chors gelegt
worden sei (an-
no domini 1358
wart gelegt dis
sftein —] Herrn
von otingen li-
gent; ans dem
andern ebenso,
nur am Schluß:
frawa von otin-
gen ligent). Die
Namen des Stif-
ters nndderStif-
terin sind nicht
mehr erhalten,
oder waren viel-
leicht nie beige-
schrieben; aber
ihre lebensgro-
ßenBildnissesind
im Hochrelief in
den Stein ge-
hanen. Der Rit-
ter , zweifellos
ein Gras von
Oettingen, steht
anfeinemLöwen,
trägt den Ketten-
panzer, legt die
eine Hand ans
den Helm und hält mit der andern ein
Kirchenmodell. Die Gemahlin steht ans
einem von zwei Hunden gehaltenen
Schemel; der eine Hund beißt den an-
dern ins Ohr. Ihr Gewand liegt knapp,
fast faltenlos an und ist von dem
etwas kürzeren Mantel überwallt; das
Haupt ruht auf zwei Kissen; die Hände
sind abgeschlagen, welche einst das Kirchen-
modell vor der Brust hielten. Beide Sta-
tuen sind von Meisterhand, voll Wahrheit
und Leben, und — eine Seltenheit —
beide zeigen noch die ursprüngliche Be-

malung. Von außerordentlicher Schön-
heit ist das anmuthige Antlitz der Franen-
gestalt, nmsänmt von einem Kränzchen
vergoldeter Haare, darüber ein Spitzen-
besatz , dann das silberfarbige Kopftuch;
das Unterkleid ist ebenfalls silberfarben,
das Obergewand golden. Niedriger steht
das Epitaph des Grafen Ludwig von Oet-
tingen von 1430 ans der Epistelseite,
etwas breit und derb, ebenfalls bemalt.

Hochaltäre und N e b e n a l t ä r e sind
ans der zweiten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts, ohne eigentlich künstlerische Be-
deutung, in den pompösen, anspruchsvollen,
schließlich doch nichtssagenden Formen des
entarteten Zopfstils. Doch ist beim Hoch-
altar die reich und hoch ausgebildete
Tabernakelanlage anzuerkennen; auch hatte
er kein Gemälde zum Hanptbild und Mit-
teltheil , sondern früher war über dem
Tabernackel eine überlebensgroße bekleidete
Puppe als Bild der Gottesmutter ange-
bracht; man hat sie mit Recht entfernt
und an ihre Stelle eine majestätische spät-
gothische Madonnenstatue gesetzt, die früher
an der Nordwand der Kirche sich befand.
Das Gesicht der Madonna ist etwas plump
und herb, dagegen die Gewandung von
noblem Wurf, das Kleid rot, der Mantel
dunkelblau; das Kind ist ganz bloß; unten
verstecken sich zwei bekleidete Engelknaben
in den Mantelfalten. Ohne Zweifel ge-
hörte diese Statue einst in den Schrein
des ursprünglichen gothischen Flügelaltars.
Auf dem Hochaltar als Altarkreuz ein
Elfenbeinkruzifix, gut geschnitten, der Mund
zu lautem Schrei geöffnet, wohl dem
17. Jahrhundert angehörig. Das Chor-
gestühl aus Tannenholz ist außer einigen
erneuerten Theilen noch spätgothisch und
zeigt handwerksmäßig geschnitzte Bestien,
Menschenköpse, Heiligenreliefs und un-
schönes knorriges Ast-Ornament; siehe die
Abbildung eines Wangenstücks.

Ans dem Kreuzaltar befindet sich
nebst zwei gothischen Figürchen (St. Agnes
und Katharina) ohne Bedeutung ein ans
das größere Kreuz aufgesetztes kleineres
und noch frühgothisches Kruzifix mit vier-
eckigen Enden, auf welche die Evangelisten-
symbole gemalt sind. Dasselbe gehörte ur-
sprünglich in den Schrein, der noch auf
der Empore der sog. Stiftskapelle erhalten
ist, und bildete mit den ebendort befindlichen
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