Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 66
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Helfen Zug, welcher sich in der Anordnung
der ganzen Gruppe, besonders des Leich-
nams, und in der Gewandung verräth. Da-
bei eine religiöse Weihe der Empfindung,
welche die ganze Skulptur beseelt und
vergeistigt. Man weiß nicht, soll man
mehr die im Tode noch hoheitsvolle Gestalt
des Heilandes bewundern mit dem er-
greifenden Antlitz, oder den unvergleichlichen
Ausdruck im Angesicht der Mutter, welche
den Blick nicht von den Zügen des Sohnes
zu trennen vermag, und deren Schmerz sich
in stille Wehmut, in andachtsvoller Be-
trachtung auflöst und mildert. Dazu diese
großartige Gewandung, großartig bei aller
Einfachheit und bei aller Weichheit des
Flusses. Von besonderer Schönheit ist das
Lendentuch, dessen feines Gewebe mit zarter
sorglicher Hand nachgebildet ist.

Welcher Zeit gehört dieses Bild an
und woher stammt es? Nachrichten über
seine Herkunft fehlen ganz; wir sind ledig-
lich ans seine eigenen stummen Angaben
angewiesen. Gerade die Vereinigung der
oben hervorgehobenen Züge führt uns unge-
fähr in die Mitte des 16. Jahrhunderts
und ans Deutschland hinaus nach Italien.
Es legte sich zuerst die Vermnthung nahe,
das Bild möchte zu jenen Reproduktionen
ans Stuckmasse gehören, welche eben um
jene Zeit vielfach in Italien gefertigt wur-
den und von welchen sich Proben im Ber-
liner Museum, auch in Sigmaringen finden.
Die an einigen von der Rückseite des
Bildes abgelösten Theilchen der Masse vor-
genommene Untersuchung ergab aber ein
anderes Resultat. Herr Or. Wülfing,
Dozent der Mineralogie in Tübingen, hatte
die Güte, in Göttingen einen Dünn-Schliff
fertigen und denselben auch von Herrn
Professor Andrea in Heidelberg untersuchen
zu lassen. Das Urteil beider Sachver-
ständigen stimmt dahin überein, daß das
Gestein, ans welchem das Bildwerk ge-
fertigt ist, aus einem 45°/o kohlensauren
Kalk enthaltenden Mergel von äußerst
feinkörniger und homogener Beschaffenheit
besteht. Dieser Kalkmergel enthält zahl-
reiche Reste von Foraminiferen, die seinen
tertiären und marinen Ursprung unzweifel-
haft machen und ihn der Meeresmolasse
znweiseu. Es liegt hier nahe, bemerkt
Herr Dr. Wülfing weiter, an die Molasse
Schwabens oder der Schweiz zu denken;

aber es gebe eine solche Menge von
Molassekalken und Molassemergeln auch in
andern Ländern, daß ein großes Ver-
gleichungsmaterial mit vielen Schlissen er-
forderlich wäre, um die Lokalität, von welcher
das vorliegende Stück herstammt, zu finden.

Durch Zufall stieß ich in dem von
Atz und Madein herausgegebenen „Kunst-
freund" (Reue Folge, 1887, S. 36 ff.)
ans Bildwerke in Tirol, die der Be-
schreibung und Abbildung nach in Ver-
wandtschaft mit dem unsrigen stehen, nicht
bloß was das Material, sondern auch was
den Vorwurf antaugt. Es sind drei Vesper-
bilder oder Pieta's in den Kirchen von
Bruneck, Tesselberg, Lienz. Alle drei,
sagt der Verfasser des Artikels, sind „aus
einem dem unsrigen Arcostein oder viel-
leicht besser Veroneser Mnschelkalkstein
ähnlichen Material gearbeitet; ob das
Material wirklich natürlicher Stein oder,
wie einige meinen, eine künstlich hergestellte
Steinmasse sei, konnte der Schreiber nicht
mit Bestimmtheit ermitteln, jedoch würde
er eher für natürlichen Stein stimmen".
Das Bild von Lienz wird a. a. O. in
Phototypie wiedergegeben und zeigt in Stil,
in Haltung der Madonna, besonders in
Haltung und Verschleierung des Hauptes
derselben die unverkennbarste Aehnlichkeit
mit dem von Kirchheim; der Leichnam da-
gegen ist anders gelegt bei ziemlich gleicher
Behandlung des Hauptes und Antlitzes.
Der Verfasser theilt diese und die beiden
andern Statuen der Mitte des 14. Jahr-
hunderts zu. Darin irrt er ohne Zweifel,
aber richtig ist seine Bemerkung, daß der
unbekannte Meister jedenfalls italienische
Knustbildnng genossen habe.

Ohne weiterer Forschung über das
herrliche Bildwerk vorgreifen zu wollen,
möchten wir einstweilen die Vermuthung
anssprechen, daß dasselbe in Italien ent-
standen und eine der zahlreichen Repro-
duktionen sei, welche von einem Meister-
werk in dem sehr leicht zu bearbeitenden
und doch genügend dauerhaften Material
hergestellt wurden. Es braucht kaum aus-
drücklich darauf hingewiesen zu werden,
daß es behutsamer Aufbewahrung und
schützender Sorgfalt in hohem Grade wür-
dig und daß es den heutigere Bildhauern
als Vorlage für die Pieta-Darstellung
wärmstens zu empfehlen ist.
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