Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 69
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die Nordseite ist fensterlos; auf der Ost-
seite ist die spitzbogige Thüre, welche einst
ans dem Kreuzgang in den Chor führte,
und waren einst zwei breite Fensteranlagen,
die eine viertheilig, die andere dreitheilig,
mit schlichtein Dreipaßmaßwerk; die eine
davon ist jetzt halb vermauert wegen eines
davorstehenden Altars. Die Kapelle hat
nämlich nicht weniger als drei Altäre, die alle
an die Ostwand vertheilt und konsekriert
sind. Noch stehen die drei steinernen Altar-
mensen; von ihren Skulpturwerken ist
nur eines noch erhalten, aber jetzt im
Privatbesitz des Herrn Schulinspektors
Stephan in Baldern. Es ist ein gothischer
Altarschrein mit gemalter Predella, des-
wegen interessant, weil hinter einer der
Figuren des Schreines der Maler, dessen
Pinsel Flügel und Predella bemalte und
aus dessen Atelier das ganze Werk hervor-
ging , sich mit Namen eingezeichnet hat;
man liest hier mit dem Pinsel eingeschrie-
ben : „Bastian Tayg maller zu nerdling
1514." Der Mittelschrein ist 80 cm hoch,
86 cm breit; ihn füllte ein Gruppenbild
von vier Figuren: Madonna mit dem
Kind und die drei Könige, Skulpturen von
55 und 35 cm Höhe. Die Madonna ist
nicht mehr da; die zwei Flügelbilder sind
verschwunden, die zwei feststehenden Tafeln
rechts und links am Kasten so verdorben,
daß nicht mehr zu erkennen ist, was sie
darstellten. Die Predella war mit einem
Ursulabild bemalt, das aber fast ganz ab-
geblättert und der Erhaltung oder Er-
neuerung nicht mehr fähig war. Die im
Frauenchor eingenistete Feuchtigkeit hat das
ganze Werk noch gründlicher zerstört als
die Wandfresken, und es ist aus dem-
selben keine Vorstellung mehr zu gewinnen
von der malerischen Art und Tüchtigkeit des
Sebastian Taig (Daig), des Schülers von
Hans Schäufelein, welcher bis ca. 1575 in
Nördlingen thätig war. Der Altar ist
jedenfalls eines seiner frühesten Werke;
später vergröberte sich und verrohte seine
Kunst, wie an seinen Werken auf dem
Rathhaus in Nördlingen zu sehen.

(Fortsetzung folgt.)

Die neue kath. Airche in Ebingen,

OA. Balingen.

Dem Kirchenban von Schwenningen,
den wir in Nr. 3 d. I. besprochen und

abgebildet haben und der seiner Vollen-
dung entgegenwächst, setzen wir hier einen
andern an die Seite, der bereits glücklich
vollendet ist und am 2. August durch Se.
Gnaden den hochw. Hrn. Weihbischof Or.
v. Reiser die Weihe der Kirche empfangen
wird. Er verdankt analogen Verhält-
nissen und Bedürfnissen seine Entstehung,
wie der erstgenannte und ist ihm auch in
Stil lind Anlage verwandt.

Das kräftige Aufblühen besonders eines
Zweiges der Industrie, der Tricotweberei,
hatte in dem Städtchen Ebingen bei Ba-
lingen eine rasche Vermehrung der Be-
völkerung bewirkt und auch die Zahl der
Katholiken schnell auf ca. 700 anwachsen
lassen. Die letzteren waren eingepfarrt
nach Lantlingen und wurden vom dortigen
Geistlichen mit Katechese und Gottesdienst
versehen; für le tere hat der Stistnngs-
rath der Stadt in anerkennenswerther
Weise die Mitbenützung der „Kapellen-
kirche" zugestanden. Die nenerstandene
Gemeinde konnte nicht länger ohne eigenes
Gotteshaus und eigenen Seelsorger belassen
werden. Mit großer Ausdauer ließ der
zuständige Geistliche, Herr Dekan Berg,
sich die Sammlung eines Banfonds an-
gelegen sein, und er wurde hierin vom
hochw. bischöflichen Ordinariat kräftigst
unterstützt. Durch Zuwendungen ans dem
JnterkalarfondundausderMissionskasse und
durch private Sammlungen hatte der Fond
1890 eine Höhe erreicht, daß zum Planen
und Bauen geschritten werden konnte. Im
Winter 1890/91 stellte der beauftragte
Architekt, Herr Cadeö in Stuttgart, die
Pläne fertig, die vom Knnstverein begut-
achtet, vom Ordinariat genehmigt wurden.
Im Frühjahr 1891 begann der Ban, und
er kam noch im Spätherbst desselben
Jahres unter Dach. Im Frühjahr 1892
erfolgte die innere Vollendung und die
Ausstattung mit dem Inventar und am
2. August kann die Kirche dem Gebrauch
übergeben werden.

Das architektonische Problem stellte sich
in Ebingen insofern ähnlich wie in Schwen-
ningen , als Sparsamkeit auch hier Ge-
wissenspflicht war und als auch hier das
Terrain, an sich günstig gelegen, dem Bau
erhebliche Schwierigkeiten bereitete, weil es
von der Straßenhöhe aus stark absällt
(vgl. die Chor- und Faeadenansicht). So-
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