Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 75
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und Johannes in großem Schmerz. Leider
ist dieses ikonographisch interessante Pas-
sionsbild an so exponirter Stelle und
schon so verdorben, daß nicht einmal leicht
eine Kopie abgenommen werden konnte.
Es muß zunächst auffallen, daß Maria
und Johannes nicht, wie sonst gewöhnlich,
zu den beiden Seiten des in der Passion
dargestellten Heilandes ihren Platz ge-
sunden haben, sondern unten bei den
Leidenswerkzengen. Offenbar waltet darin
eine besondere Absicht, daß der Person des
Dulders unmittelbar die Engel mit dem
Purpnrmantel und dem Mopstengel und
der betende Papst beigegeben sind. Dem
kann wohl keine andere Idee zu Grunde
liegen, als die, welche wir im Folgenden
wiederzugeben suchen. Die Erbärmdebilder
sind ohne allen Zweifel als Andachtsbilder
im striktesten Sinne anznsehen, d. h. sie
sollten als mächtiger Aufruf an die Seele
wirken, dem leidenden Heiland ihre Ver-
ehrung zuzuwenden. Wer diese Kompo-
sition malte oder erdachte, wollte zu eben
diesem Zweck der Seele gleichsam Unter-
richt ertheilen, in welcher Weise sie die
Passion feiern sollte. Er stellt ihr vor
Augen den Papst als Repräsentanten der
Kirche und gemahnt sie durch dessen betende
Haltung an die erste Pflicht der Anbetung
des leidenden Heilands; sodann lehrt er
dieselbe, dem Heiland in seinem bitteren
Leiden gleichsam Engeldienste zu erweisen,
seine Blöße zu kleiden nicht mit einem
Spottmantel, sondern mit einem Kleid der
Ehre, ihn zu tränken in seinem Todesdnrst
nicht mit galligem Tranke der Bitterkeit,
sondern mit der Erquickung der liebenden
Theilnahme. Oder es soll- vielleicht darauf
hingewiesen werden, wie das bittere Leiden
des Herrn süße Früchte der Glorie ge-
tragen habe, wie der Heiland für den
Hohn entschädigt worden sei durch die ans
Erden nimmer anfhörende Anbetung seiner
Kirche, für die Schmach des Purpur-
mantels durch das Gewand der Glorie,
für den herben Trank durch die Seligkeit
des Himmels. Die Schilderung der Passion
selbst aber hat sich in Zeichnung des
Mannes der Schmerzen noch nicht genug
gethan; sie setzt unten noch einmal an
und rückt der Seele das ganze schreckliche
Inventar der Marterwerkzeuge vor und
der materiellen Gegenstände, welche mir

der Passion in Berührung kamen, nicht
ohne zugleich in den Gestalten und im
Antlitz der schmerzhaften Mutter und des
Liebesjüngers ein ergreifendes Reflexbild
des blutigen Schauspiels zu geben. Auf-
fallend ist nur noch, daß unter die Leidens-
werkzenge auch das Andreaskreuz mit
einem Messer zwischen seiner oberen Gabel
eingereiht ist. Wenn das crstere an das
Martyrium des Apostels Andreas mahnt,
so könnte man das Messer ans das des
hl. Bartholomäus beziehen, der häufig
dargestellt wird, das Messer in der Hand
haltend, mit welchem er geschunden wurde.
Dann könnte man etwa annehmen, daß
die innere Zusammengehörigkeit der Marter-
leiden Jesu mit den Martyrien der heiligen
Blutzeugen habe angedentet werden wollen.
Freilich wäre die Berücksichtigung gerade
dieser Apostelmartyrer damit noch nicht
erklärt.

Run kommt das viertheilige Fenster
mit dem zur Hälfte in dessen Licht herein-
gerückten zweiten Altar. Die Laibung
desselben ist mit feinem Ornament ver-
sehen; in dasselbe ist eingesügt das Bild
der hl. Ottilia, welches ans der Beilage
zu sehen ist; abweichend von den sonstigeil
Darstellungen trägt sie hier Buch und
Taube; der Name ist beigeschrieben; das
Gewand ist dunkelblau, der Mantel hell-
blau, das Buch grün. Ueber dem Fenster,
im Flachbogen das Schweißtnch, von zwei
Engeln gehalten. Rechts vom Fenster
eine weitere Apostelfignr, dann eine Hei-
lige mit Krone ans dem Haupt und ans
der einen Hand eine kleine Drachengestalt
mit gelben und blauen Flügelchen haltend,
wohl St. Margaretha. Das nun folgende
zweite, halbvermanerte Fenster ist ähnlich
dekorirt wie das erste. Die leere Wand-
fläche deckte jedenfalls einst ein Altarwerk.
Mit einer Apostelfignr setzt der Bilder-
cyklus sich fort. Das letzte Bild dieser
Wand gegen die Stistskapelle hin ist das
wichtigste und interessanteste.

Dasselbe wurde immer als ein Kren-
zignngsbild angesehen, und ist es als sol-
ches auch in der Oberamtöbeschreibnng
anfgeführt. Ans der Beilage ist dasselbe
mit möglichster Genauigkeit wiedergegeben,
soweit es noch erhalten ist. Der Teppich
hinter und der Altar mit Fransenbehängen
vor dem Krenzbild ist nur mehr schwer
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