Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 76
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erkennbar; zur Entdeckung des auf dem
Altartisch liegenden Schuhs und der Geige
in der Hand des davor knieenden Jüng-
lings hat erst eine nochmalige genaue
Untersuchung im letzten Herbst geführt.

Wir bitten, zunächst das Bild genau
ins Auge fassen zu wollen. Ueber einem
kleinen Altärchen, vor einem herabhängen-
den Teppich erhebt sich ein nicht sehr
sauber gezeichnetes, mit grüner Farbe be-
maltes Kreuz mit Viereckenden; um die
Enden schlingt sich im Bogen ein gelbes
Band, in lilienartige Gebilde anslaufend.
Ob demselben eine weitere Bedeutung zu-
kommt, weiß ich nicht zu sagen; ein
Schristband ist es nicht, aber auch keine
Schlange. Die Gestalt, welche am Kreuze
hängt, ist mit einem den ganzen Körper
deckenden, mit Aermelu versehenen Gewand
von violetter Farbe bekleidet; ein Gürtel
hält es um die Hüften zusammen; um
bm Hals und vorn herab läuft ein gelber
Streifen. Der an der oberen Kante
ringsum und unten aus der Vorderseite
mit Fransenbehängen garnirte Altar hat
vor sich eine schmale Stufe. Darauf
kniet links ein Jüngling in grünem, kur-
zem Nöckchen mit Schuabelschnhen und
Wadenstrümpfen; die eine Hand mit dem
Geigenbogen ist leider ganz zerstört, da-
gegen die Geige selbst bei genauem Zu-
sehen noch wohl erkennbar; ebenso auch
der vor dem Geiger aus dem Altar lie-
gende Schuh.

Die Form dieses Kreuzesbildes muß
gewiß jedem auffallen, und man ist er-
staunt, hier die Episode wieder zu finden,
welche uns ans manchen Legenden, so
auch ans der vom Geiger von Gmünd
bekannt ist. In der letztern ltub in an-
dern Legenden ist es aber ein Bild der
hl. Cäcitia oder der Madonna, welches
dem Sohn der Lieder den goldenen Schuh
zuwirft, und dann, wie er als Dieb
desselben zum Hochgericht geführt wird
und auf sein Flehen noch einmal in der
Kapelle auf seiner Geige spielt, durch das
Znwersen auch des cutbent Schuhs seine
Unschuld bezeugt und ihn vom Tod er-
rettet. In einer Legende ist aber Kreuz-
bild, Geiger itrtb Reichung des Schuhes
vereinigt, in der Legende der hl. Wilge-
fortis oder Kümmerniß. Und so muß
zunächst die Vermuthung entstehen, daß

unser Bild nicht den Heiland am
Kreit5, sondern diese merkwür-
d i g e, s a g e n r e i ch e, heilige K ü m -
m e rn iß da r sie ll e.

(Fortsetzung folgt.)

Generalversammlung

des christlicheit Kunstvereiuö der
Diözese R o t t e u b u r g.

Die Wahl der Stadt Gmünd für die
nach den Statuten alle zwei Jahre abzu-
haltende Generalversammlung unseres Ver-
eins erwies sich als eine sehr glückliche;
wir sehen aus eineil schönen Vereinstag
zurück, welcher gute Hoffnungen für die
Zukunft weckt.

Nachdem Abends zuvor der Ausschuß
eine geschäftliche Sitzung gehalten, konnte
ani 28. Juli der Vereinsvorstand in dem
geräumigen Saale des Gmünder Vereins-
Hauses Morgens 10 Uhr die Versamm-
lung in Anwesenheit von etwa 70 Mit-
gliedern eröffnen. Erschienen waren die
Geistlichen der Stadt, des Landkapitels
Gmünd und der benachbarten Landkapitel,
an ihrer Spitze der greise Herr Oberschul-
rath Or. Kerker und die Herren Dekane
Kollmann, Schanpp und Schilling, ferner
eine stattliche Anzahl Laien.

In seiner Begrüßungsrede wies der
Vorstand hin ans die Stadt Gmünd, welche
vor allen ihren schwäbischen Schwestern
das voraus habe, daß sowohl der gothische
als der romanische Stil sie je mit einem
in seiner Art vollendeten Monumental-
wert (der Johannes- und Heiligkreuzkirche)
bedacht habe, und daß hier die Fortarbeit
der kirchlichen Kunst, vor allem der Archi-
tektur nie stillgestanden sei. Gmünd sei
denn auch der Vorort gewesen für die
neuere kirchliche Kunstbeweguug in der
Diözese und der neuerwachte Klinstsinn
habe an dem Hanptheiligthum dieser Stadt,
in der Restauration der Chorseite der
Heiligkreuzkirche und der Erneuerung des
gesammten Altarwerks derselben sein Lehr-
lings- und Meisterstück gemacht. Gerade
vor 30 Jahren sei sodann hier die erste
Ausstellung altkirchlicher Utensilien veran-
staltet worden, die zu einem Ereignis für die
Geschichte des Vereins wurde. Auch eines
Todten sei zu gedenken, der sich auf diesen
Tag gefreut, dessen Name mit den Kunst-
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