Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 83
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das scheiterte an der Notwendigkeit, den
Hochaltar zum Sakramentsaltar zu ma-
chen , zumal ein eigenes Sakramentshaus
sich in der Kirche nicht vorfindet. Einen
Tabernakel aber mit der für die außer-
ordentlich großen Monstranzen der Heilig-
kreuzkirche nöthigen Höhenentwicklung in
den Altar einzufügen, erwies sich ebenfalls
als ein Ding der Unmöglichkeit. Man
hätte mit demselben entweder das Mittel-
bild des Altars, die herrliche Hauptgruppe,
theilweise verdecken oder aber den ganzen
Altar erst über einem großen Tabernakel-
bau aufsetzen müssen. In beiden Fällen
wäre das Meisterwerk zu Schaden gekom-
men; im letzteren wäre sein überaus feines
Schnitzwerk dem Auge gar nicht mehr er-
reichbar gewesen. Was sodann der Altar
in dieser Stellung au Höhe zu viel ge-
habt hätte, das hätte ihm inmitten der
beiden weit auseinanderstehenden maje-
stätischen Säulen an Breite gemangelt.
Er hätte dem Beschauer nicht bloß ein
gankeliges Gebilde geboten, sondern es
hätte ihm auch bei der geringsten Ver-
anlassung der Einsturz gedroht, da die
zarten, schwachen Ranken des Baumes die
kräftigen Kelche mit ihren lieblichen Spros-
sen nicht zu tragen vermocht hätten. Mit
einem Worte: der Altar hätte einer festen
und sichern Rückwand bedurft, an welche
er hätte angelehnt werden können; eine
solche anzubringen aber war absolut un-
möglich. Deßhalb war auch schon in
seiner ursprünglichen, um ein volles Dritt-
theil niedrigeren Höhe sein Platz an der
nördlichen Doppelsäule, welche den Ueber-
gang vom Chor zum Schiff bildet. Hier
an dieser breiten Doppelsäule erhob er
sich und vertrat auf diese Weise zugleich
die Stelle eines Pfarraltars für die ge-
wöhnlichen täglichen pfarrlichen Gottes-
dienste.

Als nun der barocke Zeitgeist auch in
diesen rein gothischeu Tempel mit dem
1670 vom Magistrate gestifteten neuen
Altar einzog, so fiel demselben mit sämmt-
lichen Altären in den Chorkapellen auch
unser Stammbaumaltar zum Opfer. Auch
er wurde abgebrochen und seiner ebenso
angemessenen wie die Kirche zierenden Stel-
lung beraubt. Doch ein guter Schutzgeist
waltete über ihm. Nicht gleich seinen
Brüdern in den Chorkapellen wurde er

gänzlich aus den heiligen Räumen ver-
wiesen und dem Untergang geweiht, son-
dern an der Rückwand einer der Chor-
kapellen gleichsam als eine Reliquie unter-
gebracht. In dieser prekären Stellung fand
ihn denn auch die in den fünfziger Jahren
unternommene Renovation der Kirche.
Alles war aus einmal ob des wenn nicht
verachteten, so doch von den meisten un-
beachteten, kostbaren Kunstwerks der Be-
wunderung voll! Aber für seine entspre-
chende Verwendung traten die oben an-
gegebenen Schwierigkeiten resp. Unmöglich-
keiten hindernd in den Weg. Zu einem
Hochaltar konnte er ohne Beschaffung
eines Sakramentshanses nicht benützt wer-
den ; jede der Chorkapellen aber war für
seine Ausstellung 311 nieder und zu schmal.
So mußte deuu zur Taufkapelle, wohin
eigentlich der Sebaldusaltar gehört hätte,
Zuflucht genommen werden, obgleich auch
diese Kapelle nicht ganz die nöthige Höhe
und erforderliche Breite bot. Symbolisch
ist jedenfalls dieser Platz passend und es
ergibt sich eine schöne Beziehung zwischen
dem Altar mit dem Stammbaum des
Herrn und dem Taufstein, der Stätte,
wo der Mensch durch das Bad der Wie-
dergeburt in die Familie Gottes und in
den Leib Christi eingegliedert wird.

Für Bestimmung der Zeit und Herkunft
findet sich an dem Altar selber weder eine
Jahreszahl noch ein Monogramm seines
Schöpfers. Dafür aber gibt sein ganzer
Charakter über beides eine ganz zuver-
lässige Auskunft. Er gehört ganz ent-
schieden der Zeit nach dem Einsturz der
Thürme, also dem ersten Dezennium des
16. Jahrhunderts an und ist unverkennbar
Nürnberger Arbeit. Denn wie an der
ganzen dieser Zeit angehörigen Partie der
Kirche, an den Säulen und Pfeilern, an
den Fenstern und Portalen, also macht
sich auch an dem Altarkasten mit seinem
gewundenen Geäste und Rankenwerk und
seinen geschwungenen Fialen bereits der
Einfluß der Renaissance ans die Gothik
geltend.

Das figürliche Objekt des Altars bildet
das Stammregister Jesu Christi, des Soh-
nes Davids, des Sohnes Abrahams nach
dem Berichte des Evangelisten Matthäus.
Diese Darstellung ist ein nicht seltenes
Sujet der mittelalterlicheu Bildhauerei und
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