Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 92
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behalten habe; Cimabue ist nicht der Anfang einer-
neuen Kunst, sondern das Ende der alten. Im
weiteren Verlauf wird dargethan, daß Giotto's
Kunstprinzipien vollkommen mit denen Dante's
harmoniren, sofern auch ihm ergreifende Leben-
digkeit das Höchste sei und er eben durch das
Streben nach ihr zu einem neuen Stil geführt
werde. Wohl angebracht ist das Monitorium an
den modernen Menschen (S. 26), nicht über den
technischen Errungenschaften und Wandlungen
eines halben Jahrhunderts das Walten des Ge-
nius in Giotto zu übersehen, sondern ein Zeit-
genosse Giotto's zu werden, um ihn würdigen zu
können.

Der Schluß enthält einige in die program-
matischen Gedanken des Eingangs zurückleitende
Sätze, welche mir weiterer Klärung bedürftig
erscheinen, und welche ich hier kurz streife, weil
sie sich theilweise auch in der Schlußbetrachtung
der Geschichte der deutschen Malerei von dem-
selben Vers, wiederfinden. S. 26 wie S. 9
wird Front gemacht gegen einen „unduldsamen
Doktrinarismus, der in dem Kunstwerk seine
Ideen, seine moralischen und konfessionellen For-
derungen erfüllt haben will, statt ehrfürchtig der
Absicht des Künstlers nachzuspüren". „Haben
wir uns erst," heißt es weiter, „zu jener freien,
ästhetisch aber allein berechtigten Anschauung er-
zogen, daß der Genius, nicht das Programm
uns meistern dürfe, so werden wir willig und
dankbar dem Künstler folgen."

Man sieht hieraus, daß der Vers, kein Freund
der philosophischen Aesthetik ist und mit vielen
Neueren allgemein gütige Knnstprinzipien für die
ausübende Kunst und die Kunstgeschichte nicht
bloß als entbehrlich, sondern als schädlich an-
sieht. In der Konsequenz obiger Sätze liegt
eine Aesthetik, welche lediglich zeigt, wie gemalt
wurde und wird, nicht aber, wie gemalt werden
soll. „Das Kunstwerk," heißt es S. 8, „ist nie
etwas anderes als ein durch die künstlerische
Anschauung revidirtes Stück Natur." Man
könnte die Definition gelten lassen, >venn nur
näher unb richtig erklärt würde, was die „künst-
lerische Anschauung" ist. Und stellt sich hier
nicht sofort die Nothwendigkeit einer Kritik ein,
welche der Vers, ferngehalten wissen will? Gibt
es hier keinen Unterschied von wahrer und fal-
scher Anschauung? Ist die Anschauung bloß
Sache des Auges, oder nicht des ganzen Men-
schen? Schließt sie nicht auch die Absicht, die
Intention, die Zweckbeziehnng ein? Muß jede
Anschauung und jede Absicht „ehrfürchtig" hinge-
nommen werden? Muß man dem Künstler, oder
wenigstens dem Genie immer „willig und dank-
bar folgen" ? Hat das Genie noch nie geirrt
und soll es uns in allem „meistern" dürfen?
Gibt es wirklich keine unwandelbaren Prinzipien
der Kunst, denen auch das Genie sich fügen muß?
Ist Giotto's Kunst deßwegen groß, weil er mit
genialer Kraft Schranken durchbrach, oder nicht
vielmehr deßwegen, weil er am rechten Punkt
durchbrach, geleitet von richtigen Prinzipien?
Ist nicht gerade Giotto's und Dante's Beispiel
ein Beweis dafür, daß ein festes Prograinm die
Freiheit der Kunst nicht unterbindet, sondern

ordnet und leitet? Das sind Fraget: von großer
Tragiveite; es wäre wünschenswerth, daß man
sie einmal in gründliche Untersuchung nähme.
Das Resultat wäre wohl die Ueberzeugung, das;
die Aesthetik keine abgethane Größe ist, sondern
eine unentbehrliche Grnttdlage der Knnstübung
und Kunstforschnng.

Wandkalender für 1 893. Donan-
wörth, Atter. Preis 50 Pfeititig.

Wir tiehmen keinen Anstand, diesen Wand-
kalender unfern Lesern zu empfehlen, weil er
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dann eine schöne Ansicht der Stadt Donauwörth
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und des hl. Joseph die Anstalt segnet; die
Gruppirung und Einrahmung dieses Bildwerks
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