Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 95
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Es kann aber gerade auf die formale
Seite der Kunst, besonders was Malerei
und Plastik angeht, nicht leicht ein zu
großes Gewicht gelegt werden. Ist es ja
doch Aufgabe der christlichen Kunst, „die
übernatürlichen Wahrheiten in ein zwar
natürliches, aber dennoch ihnen angemesse-
nes, also schönes Kleid zu kleiden"
(A. Weiß). Oder um mit dem Altmeister
Overbeck zu sprechen, „der Wahrheit im
Gewände der Schönheit Herzen zu ge-
winnen". Ferne sei von uns, daß wir der
heiligen Kirche das schmackvolle Zeugnis;
anöstellen, daß ihre Wahrheiten, ihre
Ideale dem Gewände der reinen Schön-
heit widerstreben. Ferne sei auch von
uns die Engherzigkeit jener, die da meinen,
die Gemüthstiefe, die Innigkeit früherer
Meister könne nur erreicht werden, wenn
man auch ihre mangelhafte Form, ihre
rührende Naivität, ihre Unbeholfenheit
nachahme. Die herrliche Erbschaft des
Mittelalters ist uns nicht dazu gegeben,
daß wir uns in formaler Beziehung bei
seiner Formensprache begnügen.

Wenn wir nun sagen, daß keine Zeit
das Ideal erreicht hat, so ist das kein Vor-
wurf für die vergangene Zeit; diese that,
was sie konnte. Nichts fällt vom Himmel,
alles muß sich organisch entfalten; und
sowohl dieses wie alles Gedeihen gibt Gott,
so wie es die Zeit bedarf.

Unserer Zeit aber scheinen, wie wohl
keiner andern Zeit, die Mittel gegeben zu
sein, das Ideal der Kunst und damit auch
der christlichen Kunst zu erreichen. Was
wir ans den alten, vergangenen Perioden
lernen müssen, ist: nicht sowohl die For-
men der alten Kunst als solche, und
weil sie in dieser oder jener Periode
so waren, repristiniren, nicht sowohl mit
dem Material der Alten weiter bauen,
als vielmehr mit den Prinzipien der
Alten, mit Hilfe der Grundprinzipien
der Schönheit überhaupt, neu schaffen.

Diese Grundprinzipien der Kunst sind
ewige Urgesetze, „immaterielle Wahrheiten,
abstammend und abhängig von jener ewigen
Wahrheit, in der sie bestehen, von Gott"
(A. Reichensperger). Zu Ihm, dem Ur-
grund alles Schönen, müssen wir zurück-
kehren, der die Schönheit ursprünglich und
qnellenhaft in Sich trägt. Und zur Na-
tur, zur Schöpfung Gottes, müssen wir, |

als der Lehrerin, znrückkehren, in welche
die göttliche Vernunft, als sie dieselbe in
vollendeter Schönheit ins Dasein rief, ihre
Urgedanken gleichsam im Schattenrisse ein-
gehancht hat, so daß sie nach Plato ein
Abbild Gottes geworden ist.

Diese Urgedanken Gottes in der Schöpf-
ung nachzudenken, ist Sache des Aestheti-
kers, sie nachzubilden, Sache des Künstlers.
Er hat diese Gesetze nicht zu erfinden,
sondern nur zu finden. Bilden sie seine
Norm, dann geschieht, was St. Augustin
sagt: „Jene höchste Kunst des allmächtigen
Gottes, die auch Seine Weisheit genannt
wird, wirkt in den Künstlern und durch
sie, daß sie Schönes und Angemessenes
schassen." (Oe div. quaest. 8z. qu. 78.)

Und welches sind diese Urgesetze, diese
Urgedanken Gottes in der Schöpfung?
Sie sind ausgesprochen in den wenigen
Worten des Buches der Weisheit: „Gott
schuf die Weisheit im hl. Geiste, sah sie,
zählte sie und maß sie, und goß sie so-
dann ans über alle Seine Werke" *), d. h.
mit andern Worten: die Schöpfung trägt
die drei Momente der Schönheit an sich,
die Aristoteles und St. Thomas fordern: die
Klarheit, die Ordnung, das M a ß.

Das Maß vor allem, das Gesetz des
Maßes, der Proportion, wodurch die Ein-
heit in der Mannigfaltigkeit hergestellt wird,
indem viele an sich ungleiche Theile in
einer höheren Einheit, welche die Mannig-
faltigkeit und Ungleichheit nicht anfhebt,
sondern sie vielmehr ans sich erzeugt, zu-
sammengesaßt werden, — das Maß, sage
ich, ist es, auf dem vor allen: die objek-
tive Schönheit beruht. Wenn das Werk
in allen seinen Theilen einem einzigen gene-
rirenden Prinzip als Maßgesetz gehorcht,
stimmt es in sich wie eine musikalische
Harmonie, die dann stimmt und schön ist,
wenn alle Tonintervalle zu einander in
Verhältnissen stehen, welche ans dem Ge-
setze der Tonleiter ihre Einheit empfangen.

Das Maß hat, wie wir sagten, als
Ansdruck der göttlichen Vernunft sein Ur-
bild in Gott, und es tragen darum mathema-
tische Verhältnisse, zu denen ja das Maß
gehört, wie ein neuerer gefeierter Theologe
(Sä eeben) sagt, einen Schatten der Schön-
heit Gottes in sich.

st Sirach 1, 9.
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