Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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die Grundlage der Kunst bilden, denn eS
sage dem einen dies, dem andern das, einen
unverrückbaren, gesetzmäßigen Untergrund
und es prägt seinen Werken mit einer ge-
wissen Nothwendigkeit den Rhythmus und die
Harmonie der Schönheit ein.

Wenn wir also nach dem obigen Wort
des hl. Augustinus nur dann etwas
Schönes schassen können, wenn die höchste
Kunst des allmächtigen Gottes in den
Künstlern wirkt, dann müssen wir wieder
als Lehrlinge in die Schule Gottes, in die
Schule der Schöpfung, der Natur zurück-
kehren.

Die ch r i st l i ch e, die kirchliche Kunst
sollte darin vorangehen, Führerin sein. Der
Kirche vor allem ist die schrankenlose, zum
geistlosen Materialismus und Naturalis-
mus führende Kunst widerstrebend. Sie
kennt auch in der Liturgie keinen Subjek-
tivismus, gibt dem Priester und Bischöfe
bei den Funktionen die gemessensten Regeln
und fest formulirte Gebete und Gesänge.
Sie mag ihn auch nicht in der Frömmig-
keit. In der Kunst führt er zum Realis-
mus oder einem falschen Idealismus, welch
letzterer nicht weniger dem kirchlichen Geiste
fremd ist, während ersterer in der Re-
naissance dem christlichen Ideal so schwere,
ja tödtliche Wunden geschlagen hat, die
noch heute nicht geheilt sind.

Overbeck sagte von der Kunst seiner
Zeit: „Dem heutigen Künstler sind das
Modell und die Gliederpuppe sein Alles.
Sie füllen den Kreis seiner Bedürfnisse
aus." Die Kunst der Zukunft soll nicht
mehr das Modell zur höchsten Norm haben;
sie strebt auch nicht die Naturwahrheit der
Photographie an. Sie hat viel höhere Nor-
men, viel höhere Naturwahrheit, die Natur-
wahrheit, die der Natur, der Schöpfung zu
Grunde liegt. Ja, in dem Worte „Natur-
wahr h e i t" lie gt d er S ch lüssel z ur L ö snn g d es
Problems. Die Wahrheit ist das Bleibende
in der Flucht der Erscheinungen. Nicht
dieser oder jener Mensch repräsentirt die
Wahrheit in der materiellen Körperwelt.
Wenn ich ihn Zug für Zug nachbilde, habe
ich höchstens die Wirklichkeit, nicht die
Wahrheit. Nicht jede Erscheinung in der
Natur, in der in Wehen liegenden Natur,
ist Naturwahrheit. Naturwahrheit ist das,
was den Untergrund und das Wesen aller Er-
scheinungen bildet, das Gesetz, die Regel,

die Norm, die göttliche Idee, also vor
allem das Maßgesetz, nach dem Gott ge-
schaffen hat, da „Er die Weisheit schuf,
sie maß und sie dann ausgoß über alle
Seine Werke".

Warum doch hat die Kunst den Boden
der Schönheitsproportionen verlassen, denen
es gegeben ist, so bestimmt, so fesselnd auf
unsere Seelen zu wirken? Sie müßten im
Dienste des Wahren und Heiligen Wunder
thun!

A. Reichensperger sagt einmal: „Die
einfachen geometrischen Verhältnisse der
Maße führen zum Urquell aller Schön-
heit, zu Gott zurück." Ja, und ebenso
führt eine stilvolle Kunst, eine Kunst, die
nach den ewigen Urgesetzen der Schönheit,
wie sie Gott in die Schöpfung gelegt hat, sich
bewegt, — diese führt uns zum Heilig-
thum zurück.

Im Heiligthum ist jede Kunst geboren,
auch die der alten Griechen und Egypter,
und auch unsere christliche Kunst. An den
Stufen der Altäre ist sie herangewachsen,
im Sonnenlichte der Liturgie, von der sie
ihren Inhalt, ihre Form genommen, die
ihr die Weihe gegeben. Und derjenige, der
sie loslöst von dem Grund und Boden,
auf dem sie gewachsen, derjenige, der ihr
das Licht und die Lebenslust, das Gesetz
und die Ordnung des Heiligthums nimmt,
um ihr statt dessen das Licht und die freie
Scenerie des Theaters zu geben, der übt
einen Frevel der Gottesschändung.

Der Künstler, der zuerst Christo die
übernatürliche Hoheit der Gottheit genom-
men, der Ihn des Glanzes der Krone der
göttlichen Majestät entkleidet hat, die im
Antlitze des Gottmenschen also auflenchtete,
daß, wie der Evangelist sagt, die Stadt
in Bewegung gerieth, als Er eintrat und
sprach: Wer ist der? — ich sage, der das
gethan, ist nicht weniger zu verurtheilen,
als ein Ketzer Nestorius und seine Nach-
folger, die Christo durch Wort und Schrift
die Gottheit absprachen.

Und wer den Ernst und die königliche
Würde der heiligsten Jungfrau in bloßer
Mutterzärtlichkeit untergehen läßt und noch
Schlimmeres thnt, der das Modell zu Ihr
vom Markte nimmt, der versündigt sich an
der Person der Gottesmutter.

Ist uns auch unser Gott erschienen in
„Menschenfreundlichkeit" (apparuit huma-
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