Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

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Archiv für christliche Ärmst.

Mraan des Rottenburger Diözesan-Oereins für christliche Kunst.

Eeransgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler tu Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Runstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Dr. Keppler.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.05 durch die württembergischen (M. 1.90
im Stuttgarter Bestellbezirk), Mi. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
TO 1.27 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
L» *--*•* auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags direkt
von der Expedition des „Deutschen Volksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94, zum
Preise von M 2.05 halbjährlich.

Pas Kloster Kirchheim im Ries
und seine Kunstschätze.

(Schluß.)

Somit scheint es, daß zwischen dem
VoltL sunto zn Lucca und den Kümmer-
nißbildern sich leichter die Verbindung Her-
stellen läßt, als zwischen den letzter» und
den romanischen Krnzifirbildern. Die ganze
komplizirte Frage sollte aber noch einmal
mit Beiziehung alles Materials gründlich
untersucht werden. Die Annahme, daß die
Kumeranabilder erst nachreformatorisch
seien, ist schwerlich richtig. Die entwickelte
Wilgefortislegende, welche die Bollandisten

S. 68 f. geben, stammt ans einer Hand-
schrift von 1466; ans dem 15. Jahrhun-
dert werden Wilgefortis- oder Kümmer-
nißbilder angeführt in der Virgilinskirche zn
Altenberg bei Kaltern in Tirol (1492),
in Neusahren bei Freising (Ende des 15.
Jahrhunderts, Cyklus von 6 Bildern), ans
einem Meßgewand von ca. 1440 in der k. k.
Schatzkammer zn Wien; ein Relief des
15. Jahrhunderts am Thurm zn Ober-
winterthur in der Schweiz. Unser Kirch-
heimer Bild würde dem Ende des 14. Jahr-
hunderts angehören. Gerade bei ihm stellt
sich nun allerdings die Frage aufs neue:
ob Kopie des Lnccabildes oder Darstellung
der hl. Kümmerniß? Die Spuren eines
Knmeranaknltes sind in unserem Land spär-
lich ; sie ist Kirchenpatronin in Mühringen
bei Horb, wie auch die Bollandisten ver-
zeichnen; das von ihnen angemerkte alte
Bild derselben ist nicht mehr erhalten.
Sodann wurde sie verehrt in Deilingen
bei Rottweil; auch hier ist das alte Kreuz-
bild am Anfang dieses Jahrhunderts ver-
kauft und ein neues angefertigt worden,
welches die Heilige als Mädchen ans Kreuz
geheftet darstellt. Das Volk von Kirchheim
kennt das Bild nicht als Knmeranabild;
freilick) kann daraus kein sicherer Gegen-

schluß gezogen werden, da dasselbe, so lange
die Klosterklausur bestand, zn diesem Raume
keinen Zugang hatte und nachdem das Bild
theilweise zerstört war, desselben nicht mehr
achtete. Aber immerhin hätte man erwarten
können, daß der Knmeranaknlt hier nicht
völlig nntergegangen wäre. Wäre ans
unserem Bild neben dem Schuh der Kelch
zn sehen, so wäre wohl die Frage ent-
schieden und wir hätten es sicher als Kopie
des Lnccabildes zn betrachten. Es wäre
nicht einmal unmöglich, daß ursprünglich
neben dem Schuh sich der Kelch befunden
hätte, wie ans dem belgischen Bilde bei
den Bollandisten; aber jetzt ist eben hier
ein Stück der Malerei ansgebrochen. Von
Wichtigkeit wäre auch, zn wissen, ob das
Bild von Lucca ebenfalls die viereckigen
Kreuzenden habe. Bis weitere Erhebungen
angestellt sind, muß es im Zweifel gelassen
werden, ob unser Gemälde den Heiland am
Kreuz, speziell das Nikodemusbild von Lucca
oder ob es die hl. Wilgefort oder Kumerana
darstelle. Hochinteressant und ohne Analogie
in unserem Lande bleibt es in beiden Fällen.

Die Wand gegen die Stiftskapelle
hin ist .wegen der zwei großen Bogen-
ösfnnngen mit keinen größeren Scenen,
nur mit Einzelfiguren bemalt. Erkennbar
sind noch zwei Apostelgestalten, dann in der
hübschen Umrahmung des Fensterbogens
die edle Gestalt einer Heiligen mit Krone,
Buch und stilisirter Lilie (s. Beil. Nr. 9),
vielleicht die heilige Gertrud, die mit letzterem
Attribut abgebildet wird; ferner das Bild
des hl.Christophorns, welches ans der nächsten
Seite abgebildet ist; aus der Achsel des mit
grünem Rock und schwarzem Mantel beklei-
deten Heiligen, welchem ein grün bewipfeltes
Bäumchen als Stab dient, steht das hl. Kind,
mit grünem Röckchen augethan, mit der
einen Hand sich an seinem Haupt haltend,
mit der andern ihn segnend — eine köst-
liche und überaus anmnthige Auffassung.
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