Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 10.1892

Seite: 106
DOI Heft: 10.11588/diglit.15909.67
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15909.69
DOI Seite: 10.11588/diglit.15909#0118
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1892/0118
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
106

gart benachrichtigt, daß in der Chronik anch nicht
eine Silbe über den gesuchten Meister zu ent-
deckeil sei.

Weil sodann unter dem Abte Jnnocenz Schmid,
lvelcher von 1710—1719 regierte, das Chorgestühl
gefertigt wurde, haben lvir auch sein, ebenfalls
im k. Hans- und Staatsarchiv der Residenzstadt
aufbelvahrtes Tagbuch durchgelesen. In diesem
Diarium stießen wir allerdings auf einen Ein-
trag , welcher die mit dem Bildhauer für Er-
stellung des Chorstuhliverkes vereinbarte Summe
angibt, aber der Name des Meisters blieb ohne
Erwähnung. Das Tagbnch des Abtes Jnnoceilz
Schmid ist überhaupt mir noch theilweise vorhan-
den. Es lvaren nämlich die Einträge dieses Prä-
laten aus den Jahren 1715 — 1719 leider nicht
mit den übrigen Tagbuchnotizen zusammenge-
bnnden, sondern denselben nur als lose Blätter
beigelegt lvorden. Sv kam es, daß die Auf-
zeichnungen aus deu Jahren 1717—1719 verloren
giengen. Das Jahr 1717 ist aber, wie schon
bemerkt, der Zeitpunkt der Vollendung unseres
Kunstwerkes. Unter den Einträgen des Abtes
aus diesem Jahre hatten wir mit Bestimmtheit
die Nennung des gesuchten Namens erwartet.

Ferner blieb unser Suchen in den alten Zunft-
büchern von Schussenried ebenfalls ohne den
gewünschten und erhofften Erfolg.

Endlich haben wir vergeblich die Bankosten-
verzeichnisse, die Einnahme- und Ansgabebücher
des ehemaligen Prämonstratenser-Reichsstiftes
durchblättert. Auch in diesen Belegen klöster-
licher Finanzwirthschaft bekamen ivir lvenigstens
keinen direkten und klaren Ausschluß über Namen
und Herkunft des verschollenen Künstlers.

Bei diesem Stande der Sache schien das vor-
gesteckte Ziel beinahe unerreichbar. Das unmög-
lich Scheinende hat sich aber dennoch realisirt.
Denn am 13. Oktober ist uns im Archive des
kgl. Kameralamtes Waldsee der Fund geglückt.
In diesem Archive befinden sich zivölf getvaltige
Folianten aus dem früheren schussenriedschen Nor-
bertinerkloster. Dieselben bilden in der Hauptsache
ein mit Inhaltsangabe versehenes Verzeichniß
der Schätze des gegenwärtig in Stuttgart befind-
lichen Reichsstiftsarchives. Das genannte zwölf-
bündige Repertorium hat zum Verfasser den ehe-
maligen hiesigen Prämonstratensermönch P. Vin-
cenz Rodenbach. In einem dieser zivölf Folianten
nun stießen lvir auf den längst gesuchten Künst-
lernamen. P. Rodenbach erzählt nämlich, den
10. September 1730 sei vom Kloster Schussen-
ried „mit Herren Georg Antoni Machein Bildt-
hauern von Ueberlingen" ein Vertrag abgeschlossen
lvorden. Laut desselben habe sich besagter Meister
verpflichtet, um die Summe von 714 sl. die
Statuen, die Engelsfiguren, das Lanblverk u. s. w.
zu denr neuen (übrigens heute nicht mehr vor-
handenen) Hochaltäre in Sleinhausen zu verferti-
gen. Dieser im Oberamte Waldsee gelegene Pfarr-
vrt gehörte früher zur Klosterherrschaft Schussen-
ried und wurde von einem Prämonstratenser pasto-
rirt. Unmittelbar unter obige Notiz hat P. Roden-
bach den Eintrag gesetzt, welchen wir hiemit wörtlich
und buchstäblich anführen: „dl o t a : Diser
Antoni Machein i st der n e m b l i ch e K ü n st -
l e r , >v e l ch e r in Anno 1715. 16. et 17. all -

hiesiges Chor-gestüehl verferthiget."
Durch das Auffinden dieser Stelle ist uns ge-
lungen, den längst verschollen gelvesenen und Jahr-
zehnte lang vergebens requirirten Meister des
Schussenrieder Chorgestühles in der Person des
Bildhauers Georg Anton Machein auF
U e b e r l i n g e n der Kunstgeschichte zu reiten. Auch
erhellt aus obigem Citate, daß das ungewöhnlich
reiche Chorstuhlwerk in drei Jahren vollendet
lvorden ist. Uebrigens haben wir die feste Ueber-
zeugung, daß Machein die gewaltige Arbeit in
so kurzer Zeit nicht beivältigt haben kann, ohne
eine ansehnliche Zahl von Gehilfen beizuziehen.
Daß er nicht lvohl allein thätig gelvesen sein
wird, geht aus der Größe der gelösten Aufgabe
hervor. Zudeln lassen sich an dem Kunstwerke
die Spuren verschiedener Künstlerhände un-
schwer nachlveisen.

Daß aber das Zeugniß des P. Biucenz Ro-
denbach über den Chorgestühlsschöpfer unan-
fechtbar ist, ergibt sich aus nachstehenden Erwä-
gungen:

1) Das sog. Schussenrieder Konveutsbuch aus
deu Jahren 1683 — 1802 liegt jetzt noch vor. Auf
den ersten Seiten desselben steht in lateinischer
Sprache das Formular für die Erneuerung der
Gelübde, ivelche jedem Norbertinerpater alljährlich
oblag und in der Kirche knieeud vollzogen werden
mußte. Zur Beglaubigung und Bekräftigung des
jährlich am Feste des hl. Ordensstifters Norbert
(6. Jnui) lviederum abgelegten Möuchsgelöbnisses
hatte, vom Abte angefangen, jeder Klosterinsaße
mit Priestercharakter eigenhändig seinen Namen
in das Konventsbuch einzutragen. Unser Gewährs-
mann P. Bincenz Rodenbach erhält nun, bezw.
gibt sich anno 1733 erstmalig den Titel „Archi-
varius“. Als Klosterarchivar stand ihm aber der
Einblick in alle schriftlichen Dokumente des Reichs-
stiftes frei, also auch in diejenige!: Manuskripte,
welche betreffs der Beschaffung der Chorstühle
und über bereit Meister zu seiner Zeit im Stifts-
archiv deponirt gewesen sein müssen, jetzt aber
leider größtentheils abhanden gekommen siitd.

2) Dem P. Rodenbach war aber das anver-
traute Archiv keineswegs ein vergrabenes Talent.
Er hat die Schlüssel zu dessen Schätzen nicht in
der Tasche nutzlos verwahrt, um die Handschriften
vergilben und die Akten mit Staub bedeckt werden
zu lassen. Vielmehr machte er voi: seinem Auf-
sichtsrechte über das Archiv und von der Voll-
macht zit dessen Einsichtnahme den denkbar aus-
giebigsten Gebrauch. Dies geht daraus hervor,
daß Rodenbach es ist, lvelcher das ganze Kloster-
archiv neu geordnet hat. Jedes, anch das un-
scheinbarste, darin niedergelegte Dokument ist durch
seine Hand gegangen und wurde von ihin regi-
strirt; von jedem hat er einen kurzen Auszug
gemacht. Der Inhalt der zivölf Archivregister-
bände stammt zum weitaus größten Theile von
Rodenbachs sauber schreibender Hand her und
gibt Zeugnis; von dem Riesenfleiße dieses Möilches.
Den Zeitpunkt, tvo Rodenbach das Aichivreper-
torium begonnen hat, verzeichnet das Konvents-
buch mit der beim Jahreseintrage voll 1733
eingestreuten, lateinisch gegebenen Bemerkung:
„Dieser (nämlich P. Viucenz Rodenbach) hat im
gegenwärtigen Jahre angefangen, unser Archiv
loading ...