Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 2
DOI Heft: 10.11588/diglit.15910.3
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15910.4
DOI Seite: 10.11588/diglit.15910#0006
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1893/0006
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
2

zogen, welche die Gestalt des Heilandes
von den Schultern bis zu den Füßen um-
schließt und die Grenze für eine andere
Farbe bildet; der innerste Glorienkreis hat
nämlich hellgrünen, der äußere ultramarinen
(schwarzen?) Grund; die Umrahmung der
Mandorla ist hellgelb zwischen zwei dunkel-
blauen (sckwarzen?) Streifen. -

Nachdem der Maler die Contouren der
Glorie und der Christusgestalt mit dem
Pinsel ausgetragen, bereicherte er dieses
Mittelstück durch zwei seitlich dem Rich-
ter beigegebeue, gerade aus deu Nahmen
der Mandorla eingezeichnete und mit dem
Körper sich ihrer Wölbung anschmiegende
Engelgestalten. Sie stören ein wenig die
Ruhe und Majestät des Glorienkreises
und machen deßwegen nicht den besten
Eindruck, weil sie ohne Standpunkt in der
Luft stehen, weder schweben noch stehen.
Sie halten das auf den Leib des Richters
ausgezeichnete, gelb bemalte Kreuz mit
laugen, starken Balken, welebe ganz wie
das im Reichenauer Gerichtsbild die An-
sätze der Aeste zeigen.

Rechts und links von der unteren Spitze
der Mandorla geht die Auferstehung der
Todten vor sich. Beiderseits blasen je
zwei Engel die Gerichtsposaunen, gebogene,
vorn sich erweiternde Instrumente. Die
Wichtigkeit des Signals und die furcht-
bare Stärke feines Klanges läßt sich er-
messen an der Anstrengung der blasenden
Engel, diese an der überaus energischen
Stellung und deu fliegenden Gewändern
derselben. Die Gräber sind als viereckige
Steinsärge gedacht, ans welchen die In-
sassen, angerufen durch deu alles durch-
dringenden Hall, förmlich anffahren; die
einen sitzen noch im Grabe, wie sich be-
sinnend, was das zu bedeuten habe, das
Haupt fragend empor gerichtet; andere
sind schon mit einem Fuß über die Wan-
dung gestiegen, haben den ganzen Ernst
des Augenblicks bereits erfaßt und strecken
flehentlich die Hände empor.

Während in diesen unteren Regionen
die Auferstehung vor sich geht, ist in den
oberen der Urtheilssprnch als bereits ge-
fällt vorausgesetzt und vollzieht sich hier
die durch denselben angeordnete Schei-
dung nach rechts und links. Rechts
von dein Richter bewegt sich der Zug der
Seligen dem himmlischen Jerusalem zu;

ein schön geordneter Zug, in zwei Gruppen,
von welchen die eine zweigliedrig, die
andere in Einer Linie angereiht ist. Die
Gestalten sind nicht individualisirt noch
besonders charakterisirt; alle wenden sich
mit Antlitz, Körperhaltung und ver-
langend ansgestreckten Händen dem Thor
des Himmels zu; sie sind meist mit
kurzen, bis an das Knie reichenden, schlich-
ten Röckchen bekleidet, die Füße nackt.
Nur in der zweiten, dein Richter nächsten
Gruppe trägt eine Gestalt eine Mauer-
krone, die letzte eine Bischofs- oder Abts-
mitra mit Krummstab und eine Casnla;
diese letztere Figur ist allein noch dem
Richter zngewendet, als hätte sie eben
erst den Urtheilssprnch empfangen, und
zugleich dem Engel zngewendet, welcher
sie und die ganze Schar zum Himmel hin
dirigirt. Das himmlische Jerusalem schloß
ohne Zweifel einst das Bild nach links
ab; leider ist dieser Theil des Bildes ganz
zerstört, was um so mehr zu bedauern
ist, weil der reichliche Raum darauf
! schließen läßt, daß die Schilderung des
Himmels eine eingehende und ausführliche
war. Jetzt schließt das Bild ab mit dem
einst zweifellos vor dem Himmelsthor
postirteu heiligen Michael, einer großen
majestätischen Figur mit mächtigen Flügeln,
mit einer Lanze und einem Schild, der den
ganzen Körper deckt und unten spitz zu-
! läuft. Die Haltung ist statuarisch ruhig,

! wie sie einer Schildwache ziemt. Die
Vermittlung zwischen ihm und den an-
kommenden Seligen stellt eine überaus
schön bewegte Engelsfigur her, welche an
der Spitze des Zuges geht, den Vordersten
an der Hand führt und den ganzen Zug
dem Thorwächter mit graziöser Bewegung
vorstellt und übergibt; seine Gewandung
hat feine Fältelung und welligen Fluß.

Links (von Christus aus) steht der
Mandorla zunächst ein Engel, welcher in
höchst energischer Stellung und Haltung
— die Füße sind gespreizt, der rechte
stark ansgebeugt und am Boden angestemmt,
der Mantel der vehementen Bewegung
entsprechend in voller Wallung — mit
langer Schaftstange, die in einen Zwei-
zack ausläust, die Gruppe der Verdammten
sortstößt. Bei diesem Geschäft hilft ihm
ein weiter unten stehender kleiner Teufel
mit Hörnern und häßlicher Leibesbildnng
loading ...