Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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siegten. Hier liegt die Gestalt des Besiegten
schon am Boden, tobt oder tödtlich ge-
troffen; der große Schild deckt sie mit-
leidig zu; noch hält die Rechte das Schwert.
Ueber ihr der Sieger aufrecht stehend, mit
gesenktem Schwert und langem, oben ge-
rundetem, unten spitz zulausendem, grün-
gerändertem Schild. Dort hat der siegende
Theil in Ausfall-Lage, eben mit hochge-
schwungenem Schwert den entscheidenden
Streich geführt. Dieser hat seinem Gegen-
part das Haupt gekostet; noch liegt er
nicht am Boden, aber man sieht seine Ge-
stalt zusammenbrechen und sein Haupt nach
rückwärts hinüberfallen. Die nicht leicht
wiederzugebende Situation ist mit viel
Wahrheit und Kraft geschildert. Panzer
und Helm fehlen bei allen Kämpfern; der
große Schild scheint liebst dem Schwerte
die einzige Wehr zu sein; es ist ganz
der Schild des 11. Jahrhunderts. Zu be-
achten ist nur, daß das herabfallende Haupt
des einen Besiegten wahrscheinlich, das des
am Boden Liegenden sicher mit einem Nim-
bus ausgezeichnet ist. Das ist also ein
Kampf, in welchem die Guten unterliegen,
und doch läßt sich wegen der Gegenwehr,
welche die Unterliegenden leisten, nicht
an ein gewöhnliches Martyrium denken.
Vielleicht können die Offbg. 13, 7 und
20, 7 erwähnten Kämpfe zur Erklärung
beigezogen werden, an welche zu denken
die folgende Darstellung nahelegt.

Die nächste Komposition nach rechts ist
wegen starker Zerstörung auch nicht mehr-
ganz leicht zu agnosciren. Erkennbar ist
ein Lamm auf einem Hügel stehend; in
der Mitte des ganzen Bildes ein großes
Paar Engelflügel; die Gestalt, zu welcher
sie gehörten, ist fast ganz zerstört; nnter
ihr ist mit Mühe noch eine geflügelte
Drachengestalt zu erkennen. Die Kompo-
sition wird aus der Apokalypse zu erklären
sein und stellt dar die nach der geheimen
Offenbarung Johannis (20, 1) dem Welt-
gericht vorangehende Hinabstürzung Satans
in den Abgrund durch den Engel (Michael),
verbunden mit der Scene 14, 1 (17, 14):
„und ich sah, und siehe, das Lamm stand
aus dem Berge Sion". Beide Vorwürfe
hat, allerdings nicht in kombinirter, son-
dern getrennter Darstellung, auch das
Malerbuch vom Berg Athos (übers, von
G. Schäfer, Trier 1855, S. 254 u. 260).

Weiterhin zeigt dieselbe Wand, eben-
falls im oberen Bilderstreifen, dem Bild
vom barmherzigen Samaritau gerade
gegenüber, eine große, mehrtheilige Dar-
stellung, die aber auch nicht mehr ganz
erhalten ist. Die Scenen sind ins Haus
verlegt, unter gewölbte und überdachte
Räume von höchst einfachen Formen. In
einer mit einem Stichbogen überwölbten
Halle steht eine Tafel für ursprünglich
wahrscheinlich fünf Tischgenossen. Die
Hauptperson, als solche durch größere
Proportionen erkennbar, ist noch zur
Hälfte erhalten und hat zu ihrer Linken
zwei Mahlgenossen; dazu Dienerschaft,
welche aufträgt; der eine fetzt eben eine
Schüssel auf den Tisch und hat in der
andern Hand einen Stab, vielleicht das
Zeichen seiner speisemeisterlichen Würde;
hinter ihm eine magdlich schlanke Fraueu-
fignr und noch ein Jüngling, welche beide
in hocherhobeuer Hand eine Schüssel tra-
gen. Rechts davon eine ganz andere Scene,
nur mehr mit Mühe erkennbar. Auf einem
Schrägen liegt ein Leichnam, mumienartig
umwickelt und eingebunden, beklagt und
betrauert von mehreren Personen, welche
theils die Hände über dem Kopf zusammen-
schlagen, theils Wange und Hand an das
Antlitz des Todteu schmiegen, theils sich über
ihn herabbeugen. Zu Füßen aber steht
oder schwebt in der Lust ein Teufel, welcher
mit langem Schürhaken in der Brust des
Todteu wühlt, um ihm die Seele auszu-
ziehen.

Die Deutung dieses Bildes war nicht
allzu schwer. Da das Pendant der anderen
Wand sich mit einer Parabel befaßt, so
ist wohl auch hier eine solche dargestellt:
also wohl die Parabel vom reichen Prasser
und seinem schlimmen Ende. Der arme
Lazarus fehlt zwar, aber es ist wohl mög-
lich, daß ihm ein weiteres, nun durch ein
später eingebrocheues Fenster abgeschnitte-
nes Compartimeut eingeräumt war. Daß
dies die richtige Erklärung ist, kann so-
wohl, wie wir bald sehen werden, aus
analogen Bildern der Buchmalerei erwiesen
werden, wie aus dem schon oben ange-
führten Malerbnch vom Berg Athos, wel-
ches zwar erst ca. 1500 verfaßt ist, aber
bei der Stabilität der griechischen Kunst
auch für viel frühere Zeiten Zeugnis; ab-
zulegen vermag. Dort heißt es bezüglich
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