Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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noch weiter ansgebildet habe» und welches
erst den ganzen dramatischen Gehalt dieses
Vorwurfs entbindet und znr Wirkung kom-
men läßt. Man mache sich den Unter-
schied klar zwischen dem im Ganzen in
feierlicher Ruhe beharrenden Gerichtsbild
von Reichenau, in welches nur das Schweben
der Engel in den oberen und die Anf-
erstehnng der Todten in den unteren Re-
gionen einige Bewegung bringt, und dem
Gerichtsbild von Burgfelden, in welchem
nur dem Centrnm, dem Umkreis der Man-
dorla die majestätische Ruhe gewahrt bleibt,
die ganze übrige Darstellung aber vom
reichsten Leben durchwogt ist, hier von der
jubelnden Seligkeit der zum Himmel ziehen-
den Scharen, dort von der jammernden
Verzweiflung der znr Hölle Gezerrten, —
man mache sich diesen gewaltigen geistigen
Unterschied klar, und man wird zngestehen,
daß demselben auch ein zeitlicher entspre-
chen müsse.

Unser dritter Grund, und nicht der
schwächste, ist ein architektonischer.
Diese Malereien stehen ans dem
Boden des fertigen romanischen
Stils. Es soll kein Nachdruck gelegt
werden ans die Blumen- und Blattmotive,
in welche die Zweige der Waldbäume in
der Darstellung vom barmherzigen Sama-
ritan ansblühen. So romanisch dieselben
aussehen, so ist doch die Entwicklung der
Ornamente noch nicht so klargestellt, daß
man sichere Schlüsse ans dieselbe bauen
könnte, und es ist möglich, daß auch diese
Motive, welche nicht ohne Anklänge sind
an die Kapitellverzierungen der Säulen
in Oberzell, schon um das Jahr tausend
sich finden. Aber die Kirche, welcher die
Malereien angehören, ist ein romanisches
Bauwerk. Betrachten wir sie näher.

Sie erscheint auf den ersten Blick sehr
anspruchslos, ist aber nicht ohne architek-
tonische Bedeutung. Ihr Patron ist der
hl. Michael, der schon vom vierten Jahr-
hundert an als Kirchenpatron in Dentsch-
lattd nachweisbar ist und auf dessen Namen
besonders Bergkirchen mit Vorliebe geweiht
wurden. Die Aufrisse und der Grundriß
der Beilage zeigen einen einschiffigen Bau
von bescheidenen Dimensionen. Die hoch
oben angebrachten, im Licht überaus schma-
len, nach innen und außen stark abgeschräg-
ten Fensterchen, die jeder Abschrägung oder

Eintreppuug und allen Schmuckes entbeh-
rende West- und Südpforte, der Mangel
des Frieses und Sockels, das sind Zeichen
hohen Alters. Das Hauptgesims besteht
nur ans starker Hohlkehle mit Platte.
Eigentümlicherweise fehlt jede Art von
Chor oder Absis. Wohl ist der Thurm
östlich vorgelegt, aber er nimmt nicht, wie
sonst in Schwaben so oft der Fall, in
seinem Untergeschoß den Chor auf; sein
lichter Raum ist für diesen Zweck me^ zu
eng. Es berechtigt auch nichts zur Ver-
muthung, daß der Thurm etwa später an-
gebant worden wäre und eine frühere Absis
verdrängt hätte. Das Mauerwerk ist durch-
weg einen Meter stark; die Technik des-
selben eine Verbindung von Großverband
und Füllmauerwerk: die zwei tadellos ans
regulären Tuff- und Kalksteinquadern auf-
gemauerten Wände der Außen- und Innen-
seite bergen Lager von Bruchsteinwerk
zwischen sich. Der Thurm ist zwar an
die Ostwand angestoßen, aber Ostwand
der Kirche und Westwand ^ des Thurmes
haben ihr selbständiges, unverbundenes
Mauerwerk. Das oberste Stockwerk des
Thurms ist spät. Das zweite und dritte
öffnet sich nach allen vier Seiten
je in einer Doppelarkade mit Mittelsäul-
chen. Dies ist deßwegen auffällig, weil
die beiden der Kirche zugewandten Arkaden
durch das Dach der Kirche geblendet waren.
Freilich ist am Thurm noch die alte Giebel-
linie zu sehen, welche viel tiefer liegt als
die spätere, aber doch die untere der beiden
Arkaden noch umschloß. Sollte anzuneh-
men sein, daß die Kirche ursprünglich im
Innern den offenen Dachstnhl gezeigt habe
und so diese untere Thurmarkade sich ins
Innere geöffnet hätte, vielleicht um dem-
selben mehr Licht zuzuführen? Oder sollte
der Thurm schon vor der Kirche gestanden
haben, isolirt vom ersten Kirchenbau, wie
dies in der Frühzeit fast Regel war?
Volle Klarheit wird hierüber kaum mehr
zu gewinnen sein; aber die vollständige
Gleichheit des Materials, des Mauerwerks,
der ganzen Technik schließt zunächst die
Vermuthung ans, daß beide Bantheile zu
verschiedenen Zeiten entstanden. Das Mittel-
säulcheu, welches die beiden nicht einge-
schrägten Arkadenbögen verbindet, ist rund,
einmal auch achteckig abgefast. Es ruht
ans hübsch geformter Basis mit zwei Wul-
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