Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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sten und trägt ein vollkommen ausgebil-
detes Würfelkapitell mit weit ausladeudenl
Kämpfer als Vermittler zwischen den,
Säulchen und der mächtigen Mauerdicke. H
Nun ist freilich die genaue Datirnug
dieses Baues nicht leicht. Aber zwei
Kenilzeichen scheinen mir doch sicher nicht
an ben Anfang, sondern in die Mitte des
elften Jahrhunderts zll weisen. Einmal
das äußerst solide Mauerwerk von tadel-
loser Technik, welches selbst noch um die
Mitte des elfteil Jahrhunderts bei einer
Dorfkirche auffällig und nur durch den
Zusammenhang mit einer tüchtigen Bau-
schule erklärlich erscheint. Sodann die

*) Höchst merkwürdig ist, daß im Innern der
Kirche an vielen, regellos verstrenten Punkten, be-
sonders auf den Malslächen, Thontöpfe einge-
mauert sind. In die Quader sind ziemlich regel-
mäßige quadratische Löcher eingehanen und in
sie die länglichen runden Töpfe aus rothem oder
grauem Thon liegend in Kalk eingelassen, so daß
ihre Oeffnnng nach vorn schaut. Sie sind aus-
gefüllt mit Steinen und Mörtel und vorn sorg-
fältig mit Mörtel geschlossen und verstrichen:
diese ihre geschlossene Vorderseite liegt unmittel-
bar unter dem Malbewurf. Es ist schon wegen
der ziemlich großen Anzahl, dann auch lvegen
der Orte der Einsetzung nicht wohl anzunehmen,
daß man mit den Töpfen einfach die Rüstlöcher
ausfüllen wollte. An Schallgefässe kann wegen
der Form und wegen des Verschlusses nicht ge-
dacht werden. So legte sich die Vermnthung
nahe, daß die Töpfe zur Beisetzung von Heiligen-
reliquien gedient haben möchten, lute von solcher
Einfügung von Reliquien in das Manerwerk
der Kuppel der Sophienkirche in Kvnstantinopel
und auch in den Ban des abgebrannten Magde-
burger Doms berichtet wird (vgl. Otte, Handb.
der kirchl. Kunstarchäologie I, 44 Anm. 3). Aber
bei sorgfältigster Oeffnnng von einigen Krügen
fand sich nichts vor, was diese Vermnthung be-
stätigt hätte. Somit bleibt nur eine zweifache
Möglichkeit: entweder wurden sie eingemauert in
der Absicht, das Mauerwerk zu entfeuchten und
die Haltbarkeit des Malgrnndes und der Male-
reien zu erhöhen; oder aber sie wurden mit einer
Bodendecke von Weihwasser, das natürlich längst
vertrocknet ist, in die Mauern eingefügt. Letzteres
wäre deßwegen möglich, weil in den Krügen
unten ein leerer Raum sich findet, und es hätte
denselben Ziveck, wie die Einmauerung von Re-
liquien. Daß die mitunter in Gräbern auf-
gefundenen Glas- oder Thongefäsfe Weihwasser
enthalten Haben, vermnthet schon Casalio (Oe
veteribus sacris christianorum ritibus explanatio.
Romae 1645, p. 336). Die Burgfeldener Töpfe
sind auf der Drehscheibe gemacht, und von letz-
terer stammen sicher auch die flachen Kreuze,
welche außen am Boden derselben zu sehen sind;
ihre Form und ihre Stelle zeigt, daß sie keine
Devvtionskreuze sind.

Würfelkapitelle dev Thurmarkadeu. Wohl
begegnet man diesem echtvomanischen Ban-
güed schon früh, erstmals nachweisbar am
Westchor des Münsters zu Essen in der
zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts,
znm zweitenmal an einer der Bernward-
sänlen in Sk. Michael zu Hildesheim im
zweiten Jahrzehnt des elften Jahrhunderts;
aber anerkanntermaßen erscheint es in Süd-
dentschland später als am Rhein und in
Sachsen. H Oberzell ans der Reichenau
hat es uoch nicht.

Aus diesen Gründen glaube ich die
Kirche und die Kirchenmalereien von Burg-
felden um rund ein halbes Jahrhundert
von den Reichenanern wegrücken zu sollen.
Die Bedeutung der elfteren verliert da-
durch nicht; im Gegentheil. Sie zeigen
den Reichenauer Stil ans einer höheren
Stufe der Entwicklung und Vollendung;
sie zeigen diesen ehrwürdigen, vorromani-
schen , mit der altchristlichen Kunst noch
im Kontakt stehenden Stil noch einmal,
zum letztenmal beseelt durch schöpferischen
künstlerischen Geist, ehe er für immer ver-
welkt und abstirbt. Sie zeigen, daß die
Reichenauer Schule fortblühte und über
ihr Schaffen bei Beginn des zweiten Jahr-
tausends noch bedeutend hinauswuchs; viel-
leicht werden in der näheren und weiteren
Umgebung noch mehr Spuren ihrer ge-
segneten Thätigkeit zu finden sein. Höchst
bemerkenswerth ist an unseren Bildern die
fast überraschend früh und kräftig durch
alle alten Typen hindurch hervorbrechende
deutsche Art. Ob dieses erste Keimen
einer nationalen Kunst Folgen hatte? ob
weitere Triebe daraus sproßten, welche
jetzt vielleicht noch die Tünche deckt? ob
die monumentale Kunst vielleicht im Stillen
weiterarbeitete und sich besser in der Höhe
hielt, als die Miniatnrenkunft, in welcher
in der zweiten Hälfte des elften und der
ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts
nichts wahrzunehmen ist als ein trauriges
Hinsiechen des alten Stiles?H ob sich so
nach und nach der nationale Stil ent-

*) Dehio und Bezv ld, „Die kirchl. Bau-
kunst des Abendlandes", Stuttgart 1892, Bd. I,
S. 681 f.

*) Wäre ein kräftigeres Fortleben der Wand-
malerei auch nach dein Verblühen der Buch-
malerei anzunehmen und nachzmveisen, dann
möchten unsere Malereien vielleicht noch näher
gegen 1100 hin zu rücken sein.
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