Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

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wickelte, bev in gewissem Sinn fertig uns
gegenübertritt in den Wandmalereien der
zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts?
Möglich; aber soweit bis jetzt unsere Kennt-
niß reicht, müssen wir annehmen, daß diese
Blüte verfrüht war und im Winterfrost
einer der Kunst nicht günstigen Zeit wieder
erstarb, um erst viel später neue lebens-
kräftige Triebe hervorznsprossen. Jeden-
falls stellen sich die Bnrgselder Malereien
in die breite klaffende Lücke, welche bisher
die Geschichte der monumentalen Malerei
answies zwischen den Reichenauer Bildern
und den Wandmalereien der Unterkirche
zu Schwarzrheindorf bei Bonn(1151—56)
und den Deckenbildern im Kapitelssaal der
Abtei Brauweiler bei Köln (ca. 1180),
und sie können einigermaßen als Ver-
bindungsglieder zwischen diesen und jenen
angesehen werden.

Doch schließen wir. Das letzte Wort
über diese Funde wird ohnedies noch nicht
so bald gesprochen werden können. Die
berufenen Vertreter der Kunstgeschichte
werden sich nunmehr mit derselben be-
fassen haben. Dem württembergischen
Staat muß man es danken, daß er in so
wirksamer Weise sich dieser Malereien an-
genommen und das alte Kirchlein der Ge-
meinde abgekauft hat. Möge der Konser-
vator der vaterländischen Alterthümer seine
Fürsorge für diese Wandgemälde damit
krönen, daß er auch noch in eigener Publi-
kation dieselben weiteren Kreisen zugäng-
lich macht und ihr Studium erleichtert.
Von dem großen Gerichtsbild hat Herr
Kunstmaler Haaga eine in Farben gesetzte
genaue Kopie in wirklicher Größe aus-
gesührt, welche in der Königl. Alterthums-
Sammlung in Stuttgart aufgestellt ist.

Uebersicht über die Künstler und
Kunstwerke Oberschwabens von
(550 bis zum 50 jährigen Kriege.

Von Pfarrer Dr. Probst in Essendorf.

Die oberschwäbische Gegend war in ihre
Blütezeit der Kunst hauptsächlich am Ende
des 15. Jahrhunderts eingetreten, woran
sich noch eine mehr örtlich beschränkte
Nachblüte bis gegen die Mitte des 16.
Jahrhunderts anschloß. Von da weg,
also mit Beginn der Hochrenaissance, trat
aber nicht wie anderwärts (Augsburg,

Nürnberg) ein neuer energischer Auf-
schwung ein, sondern ein Nachlaß. Aus
die Flut folgte Ebbe, und dieser Zustand
dauerte fort bis zum Verfall im 30jährigen
Kriege. Während im benachbarten Herzog-
thum Württemberg noch ansehnliche Werke
der Architektur und Plastik entstanden,
waren die Reichsstädte in Oberschwaben
schon in den ersten Jahrzehnten des 16.
Jahrhunderts in eine ablehnende Stellung
hineingerathen, obwohl sie zuvor die kräf-
tigsten Stützen der Knnstübnng waren.
Ulm insbesondere, das kurz vorher noch
die führende Stellung mit Erfolg einge-
nommen und festgehalten hatte, gelang es
nicht, ans dieser Höhe sich zu behaupten,
wenn man auch gerne geneigt ist, den
noch daselbst vorhandenen Kräften, be-
sonders im Fach des Bronzegnsses, volle
Anerkennung jit zollen, woraus wir unten
zurückkommeu werden. Möglich ist immer-
hin, daß auch bei uns die Werkstätten
mehr dem Knnsthandwerk, der Verfertigung
von Geräthschaften ans edlen Metallen,
sich zuwandten, worüber jedoch zurzeit
noch kein spezieller Ausschluß gegeben
werden kann. Ebenso ist nicht ausge-
schlossen, daß Wandmalereien die Außen-
seiten der stattlicheren Patrizierhäuser ge-
ziert haben mögen; aber dieselben sind
nicht mehr vorhanden und ihre Urheber
jedenfalls unbekannt.

Doch war trotz dieser ungünstigen Um-
stände der künstlerische Betrieb nicht ganz
erloschen. Es bestehen noch Werke und
Namen von Meistern ans dieser Zeit, die
es wohl verdienen, zu einer Uebersicht zu-
sammengestellt, in der Erinnerung ansbe-
wahrt zu werden.

1) Thomas Heidelberger von
Memmingen ca. 1550. Ueber seine Le-
bensverhältnisse ist noch nicht viel bekannt
geworden; doch darf bei den gründlichen
Lokalforschungen, deren sich Memmingen
erfreut, die gegründete Hoffnung ausge-
sprochen werden, daß seine Schicksale noch
genaller bekannt gemacht werden. Er war
l Plastiker in Holz und unseres Erachtens
wohl einer von den tüchtigsten Meistern
der Renaissance, die in Oberschwaben epi-
stirten.

! Die historische Grundlage für seine Wirk-
samkeit findet sich in den Annales Otto-
| burenses von Maurus Feyerabeud, welcher
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