Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 11.1893

Seite: 21
DOI Heft: 10.11588/diglit.15910.10
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15910.13
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15910.14
DOI Seite: 10.11588/diglit.15910#0027
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1893/0027
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
21

unternommen, aber erst im Jahre 1499 unter
der Regierung des Abtes Simon Biechelberger
fertig gebracht. Der Meister kann demnach nur
Jorg Sürlin der Jüngere, wohl der Sohn
von Jörg Snrlin demAelteren, welchem der Altar
irrthümlich schon zngeschrieben wurde, gewesen
sein, denn- der ältere Snrlin (ff um das Jahr
1490 oder 1491), der Urheber des berühmten
Ulmer Chorgestühles, dessen Wirken in die Zeit
vor: 1458—1490 fällt, lebte wohl um die Zeit
des Ochsenhanser Altarbaues gar nicht mehr;
sein mnthmaßlicher, im Jahre 1455 geborener
Sohn Jörg Sürlin der Jüngere lebte dagegen j
noch bis zum Jahre 1521. Es mag indeß auch :
Sürlin der 21 eitere früher nach Ochsenhansen
dieses oder jenes Kunstwerk geliefert haben, heißt
es doch in einer Ulmer Münsterpflegrechnnng
von 1470—71: maister Jörgen zernng gen

Ochsenhansen, tvelcher 2lnsgabeposten sich ganz
gut ans Sürlin den A eiteren beziehen kann.

Unter den größeren an diesem Hochaltäre be-
wunderten Statuen sollen sich vornehmlich aus-
gezeichnet haben: 1. Ein Marienbild voll un-
beschreiblicher, ja himmlischer Anmnth; 2. die
Statuen der hl. Apostel Petrus uitb Paulus,
1,70 m hoch, welche allein von dem Meisterwerke
gerettet tvnrden und sich jetzt in der Pfarrkirche
von Bellamont befinden und ahnen lassen,
welch' schtveren Verlust hier die Kunst erlitten
hat (zu vgl. Häßler in den „Württ. Jahrbüchern"
1859, S. 59) und 3. jene des hl. Georgins und
Benediktns. Die einzelnen Theile des ganzen
Werkes sollen so kunstreich ineinander gefügt ge-
tvesen sein, daß man auch ganz in der Nähe
keine Spur einer Fuge wahrnehmen konnte.
Dieser Umstand soll auch den Abbruch desselben
ungemein erschtvert haben. Alles, was sich an
diesem 2lltare wahrnehmen ließ, soll sehr glück-
lich darauf berechnet gewesen sein, den Anwesen-
den Ehrfurcht einznflößen und ihre Herzen mit
den heiligsten Gefühlen der Andacht zu beleben.
Selbst Schwedens rohe Krieger, als sie im Jahre
1647 rachetrnnken von Ulm ans nach dem süd-
lichen Oberschwaben eilten, das ganze Kloster in
einen 2lschenhanfen zu verwandeln, jammerte der
schöne Tempel, wie eben der Hauptmauu, der
diese Mordbrennerrotte befehligte, in der Folge
einem Konventnalen rückhaltslos eingestanden:
„Mich hat nur die schöne Kirche gedauert," sagte
dieser, „sonst hätte ich es ruhig brennen lassen,"
er selbst legte am Ende noch Hand an, um dem
Umsichgreifen der Flammen zu steuern. Mit den
zerschlagenen Kirchenstühlen wurden große Wach-
sener unterhalten. Die Chorstühle, welche Sürlin
der Jüngere auch gefertigt haben soll, scheineil
über die Schwedenkatastrophe erhalten geblieben
zu sein, wurden aber im Jahre 1686 entfernt,
weil sie „vor Alter ganz morsch"; wahrscheinlich
lvnrden dieselben vom „Wurme" ergriffen und
wurde zu spät zu dessen Beseitigung geschritten.
Fast bis ans die gleiche Zeit zierte der Sürlinsche
Hochaltar den Ochsenhanser Klvstertempel, als
anläßlich des im Jahre 1664 bewerkstelligten
Umbaues und der Restauration der Kirche voir
einer gewissen Seite, welche die Meisterwerke
des Mittelalters nicht zu schätzen wußte, der Abt
2llphons Kleinhans von Mnregg, wie das Tage-
buch eines Konventnalen, des P. Lansrank Werner,

mit sichtbarer Wehmnth klagt, zu dem unglück-
seligen Entschlüsse gebracht wurde, dieses herr-
liche, einzige, den schwedischen Zerstörnngshänden
glücklich entgallgene Denkmal altdeutschen Kunst-
fleißes zu vernichten und an dessen Stelle ein
höchst mittelmäßiges Prodnkt des damaligen,
ziemlich in Verfall gerathenen Kunstgeschmackes
— einen wahren Koloß von einem Altarwerk,
anfznrichten. Wohin die Rndera dieses Sürlin-
schen Prachtwerkes gekommen sind, ob überhaupt
nur noch ein weiteres Stück desselben außer den
obgenannten Statuen sich erhalten hat — wer
weiß es zu sagen? (Schluß folgt.)

Neue religiöse j)rachtwerke.

Zn den großartigsten religiösen Leistungen un-
serer so sehr fortgeschrittenen vervielfältigenden
Künste gehört ohne Zweifel das Passions-
iverk mit dichterischem Text von Fr. W. Weber
(dem Vers, von Dreizehnlinden) und Kompo-
sitionen von P. M olitor, welches der Kunst-
verlag von Joseph 2llbert in München heraus-
gegeben hat. Das Format ist Jmperialfolio.
Die zwölf Bildtafeln sind hergestellt in dem von
Albert selbst erfundenen Verfahren, in Helio-
gravüre-OAanier. Sie sind in der That den
besten Heliogravüren ebenbürtig. Gedruckt sind
die Kompositionen ans Kupferdrnck-Kartvn mit
einer Unterlage von chinesischem Papier. Der
Text ist in herrlicher Schrift ans starkes Papier
gedruckt, mit farbigen Initialen geschmückt und
mit kunstvollen Bordüren umrandet. Ein Kunst-
werk ist endlich auch der Einband mit seinem in
Leinwand geprägten mehrfarbigen Bildwerk.

Der äußeren Schönheit entspricht in allweg
der innere Gehalt. Die hier wiedergegebenen
Kartons von Molitor, ansgeführt in der Wall-
fahrtskirche in Ahrenberg, zählen zu den hervor-
ragendsten Leistungen der neueren religiösen Kunst.
Sie hat nicht nur eines Künstlers Meisterhand,
sondern auch eines Christen lebendiger und inniger
Glaube geschaffen. Die Schilderung ist kraftvoll,
auch deu hochdramatischen Momenten gewachsen
und doch fern von modernem Realismus, noch
ganz vom Geist der alten Kunst beseelt, nicht
selten tief ergreifend, immer religiös gestimmt und
erbauend. Zn mächtigem Gesammteindruck ver-
bindet sich mit dem Bild des Künstlers das Wort
des Dichters; sie arbeiten beide kongenial zu-
sammen, in voller Gemeinsamkeit des Glaubens
mit gleichem Pulsschlag des Herzens. In der
That, Glicht oft hat man diese beiden Künste in
so lieblichem Verband gesehen. So geeint ver-
mögen sie die Passion in so ergreifender und
erschütternder Weise zu erzählen, daß jedes nicht
um Glauben nnb Fühlen gekommene Gemüth
in der Tiefe erregt werden muß. Das herrliche
Werk, dessen Preis (30 Mark gebunden) wohlfeil
zu nennen ist, wird einen Schatz und einen Segen
für jedes Haus bedeuteu, in welchem es einkehrt.

2lus demselben Verlag stammt ein großes
Kunstblatt (113 : 85 cm; Bildgröße 61 : 45 cm):
die V er kün digung von Alf. 2l g ach e wieder-
gebend, ebenfalls in Alberttypie. Die Auffassung
ist völlig originell; Maria sitzt irn Armstuhl an
einer Mauer, von welcher ein Blüthengehänge
loading ...